Helvetischer Exot
Der Name klingt fremdländisch, die Zutaten stammen von fernen Kontinenten. Dabei ist Riz Casimir eine typische Schweizer Spezialität. Mövenpick-Gründer Ueli Prager erfand sie vor bald 60 Jahren.
In den 50er-Jahren trieb man es bunt. Die schöpferischen Kräfte brodelten, als gelte es, die Schrecken vergangener Dekaden mit Volldampf zu vertreiben. Nach Jahren des Mangels und der Not präsentierte sich das Leben wieder als wundersames Füllhorn. Die kollektive Euphorie gipfelte in einem Farb- und Formenrausch, der vor allem das traute Heim erfasste: Statt Beige und Braun schmückten feuerrote Nierentischchen die gute Stube, orange Tütenlampen, gelbes Geschirr. Auch die Küche bekam einen frischen Anstrich. Das Reich der modernen Hausfrau mutierte vom kargen Kabäuschen in gebrochenem Weiss zum fröhlich bunten Versuchslabor.
Was sich prompt auf den Tellern spiegelte: Exotisch kolorierte Kreationen machten Furore. «Kochrezepte wandern heute um die Welt», beschrieb in den 60er-Jahren Elisabeth Fülscher, Grande Dame der Schweizer Küche, die Globalisierung am Herd. Inbegriff des neu entdeckten Kunterbunt-Kulinariums war Riz Casimir. «Jedermann liebte es, jede Familie kochte es, aber niemand wusste genau, woher es kam», schildert Spitzenkoch Peter Brunner vom Restaurant Kaisers Reblaube in Zürich den Casimir-Boom. Das Reisgericht trumpfte eben mit allem auf, was die 50er-Jahre zu bieten hatten: fremdartige Aromen, freche Geschmacks- und Farbkombinationen.
Herzkirschen verdrängten Peperonistreifen
Schon der Rahmen ist ein Hingucker bei diesem Schweizer Klassiker, dem so gar nichts Helvetisches anhaftet: milchweisser Langkornreis, kreisförmig angerichtet. Bis auf das Fleisch – ursprünglich vom Kalb, heute auch Poulet- und Schweinsgeschnetzeltes – stammen sämtliche Zutaten aus fernen Ländern. Für das zündgelbe Saucenseeli braucht es etwa indischen Curry, eine Würzmischung, die Mitte des vergangenen Jahrhunderts hier zu Lande noch unbekannt war. Rote Peperonistreifen setzen Farbakzente, später verdrängt von Herzkirschen, die wie Büchsenfrüchte erst mit der Bequemkost aufgekommen und im Originalrezept nicht zu finden sind. Ursprünglich krönen frische Bananen, Ananas und Korinthen die Gabelfreude. Selbstredend ist auch die Currysauce «à la minute» zubereitet.
«Das Gericht ist ein Dauerbrenner»
1952 tauchte Riz Casimir erstmals auf einer Speisekarte auf, bei Mövenpick. Ueli Prager, Gründer der Gastronomiekette, war bekannt für seine Innovationen. «Die Zeit damals kam mir natürlich sehr entgegen», sagte der Hotelierssohn in einem Interview anlässlich seines 90. Geburtstags vor drei Jahren. «Der Hunger nach neuen Geschmackserlebnissen, ja nach Andersartigem generell, half mir, meine Pläne zu verwirklichen.» 1948 eröffnete Prager sein erstes Lokal, den Claridenhof in Zürich. Im gleichen Jahr etablierte die Migros den Selbstbedienungsladen.
Sowohl Pragers Konzept als auch jenes der Migros stützten sich auf amerikanische Vorbilder: Essen und Einkaufen sollten keine Zeit verschlingen, schliesslich hatte das Leben viel Köstliches zu bieten. Das Logo von Mövenpick erinnert heute noch an die Grundidee, quasi im Flug etwas Feines aufzupicken. Ausserdem sahen die Konzepte von Mövenpick und Migros vor, Speisen respektive Nahrungsmittel günstig zu produzieren, damit alle sich daran delektieren konnten. Exotisches inklusive, wobei Bananen, Ananas und Curry erst in den 60er-Jahren das Migros-Sortiment bereicherten.
Heute feiert die asiatische Küche fast an jeder Ecke Triumphe. Dennoch hat das helvetische Riz Casimir nichts an Faszination eingebüsst. «Das Gericht ist ein Dauerbrenner», sagt Linda Prager, Mövenpick-Uelis Enkelin. Mit Mutter Verena hat sie die «Prager Gastronomie» gegründet, der die Restaurants Güterhof und Sommerlust in Schaffhausen angehören. Die Lokalitäten am Rhein scheinen auf Einheimische, Zugereiste und Touristen magnetisch zu wirken. Das Frauenpower-Duo ist halt mit den Genen geborener Gastgeber gesegnet. Dazu gehört auch, im «Güterhof» Riz Casimir nach Ueli Pragers Originalrezept anzubieten.
«Eine verrückte Geschichte», resümiert Verena Prager die Erfolgsstory. Die ausführliche Version dieser Geschichte lautet in etwa so: Im Spätsommer letzten Jahres besuchte eine Gruppe den «Güterhof». Ohne einen Blick auf die Speisekarte zu werfen, orderten die Gäste Riz Casimir. «Entschuldigung, aber das führen wir nicht», erklärte die Servicefachangestellte. Das sei doch ein Prager-Betrieb, meinte darauf der Wortführer. «Also muss es Riz Casimir geben!» Nach Rücksprache mit dem Küchenchef bekamen die Sturköpfe ihren Favoriten schliesslich vorgesetzt. Beim Abschied bedankten sie sich für ihr Leibgericht aus Kindertagen und versprachen, bald wieder zu kommen.
«Wir wussten damals noch nicht einmal, dass mein Vater Riz Casimir erfunden haben soll», sagt Verena Prager. Wenig später machte sie sich auf Spurensuche. Weil der Vater abwesend war, konsultierte sie Karl Heinz Schaumann, der während fast vierzig Jahren den Mövenpick-Speisezettel mitgeprägt hatte. Erfreut über die Wiederentdeckung des «Schlagerartikels aus Gründerzeit» schickte der Veteran postwendend das Originalrezept aus Pragers «Küchenrepertoire» von 1958. Endlich war der lukullische Schatz gehoben – an dem nun auch die Leserinnen und Lesern der Saisonküche teilhaben dürfen.
Leitet sich Casimir von Kashmir ab?
Ein Geheimnis konnte bis heute nicht gelüftet werden: Wie kam das Currygericht bloss zu seinem Namen? Einleuchtend klingt der Erklärungsversuch, Casimir leite sich von Kashmir ab. Im indischen Bundesstaat Jammu und Kashmir ist «Kashmir rice» nämlich die Nationalspeise, ein Schmaus, der geschmacklich ebenfalls von Bananen geprägt und von roten Kirschen gekrönt wird. Allerdings fehlen Ananas, Peperoni und Korinthen, die dem helvetischen Riz Casimir den unverkennbaren Gout verleihen.
Auch ist im indischen Curry kein Rahm enthalten, im Casimir aber ein Muss. Dennoch vermutet Verena Prager, ihr Vater sei von den Ideen indischer und pakistanischer Berufskollegen beflügelt worden, als er das Mahl kreierte. Bevor Ueli Prager Mövenpick gründete, arbeitete er in London. Die britische Metropole galt damals neben Amerika als wichtigste Inspirationsquelle für Avantgardisten. Einwanderer aus dem Commonwealth und anderen Nationen brachten die frischen Impulse. Der Siegeszug exotischer Gaumenkitzler konnte beginnen – samt ihrer ganzen Geschmacksund Farbenpracht.
Linda und Verena Prager

Linda (l.) und Verena Prager im Schaffhauser Restaurant Güterhof: Wussten nicht, dass Ueli Prager Riz Casimir erfunden hat.
Grundzutaten

Peperoni, Ananas, Reis, Curry, Kalbfleisch, Rahm, Bananen, Öl und Korinthen. In den 60er-Jahren kannte man noch keine selbst gemachte Currysauce. Sie kam aus dem Beutel.
Angebratenes Fleisch mit Zutaten mischen.