«Ich bin kein subversives Element»

Eishockeyprofi Andreas Hänni verzichtet als Veganer aus ethischen Gründen auf tierische Produkte. Trotzdem hat er kein Problem damit, seine Gegner hart anzugehen.

Das «Tibits» beim Berner Bahnhof ist um die Mittagszeit voll. Andreas Hänni sticht auf den ersten Blick aus dem Gedränge am Buffet heraus: ein Kleiderschrank von einem Mann, 188 Meter gross, 103 Kilogramm schwer. Der 34-Jährige ist Eishockeyspieler beim EHC Biel, in der National League A unter Vertrag – und Veganer. Er balanciert einen bis zum Rand gefüllten Teller. Der Mann am Nebentisch hat ebenfalls aufgeladen. Im Vergleich zu Hännis Portion sieht sein Mittagessen nach Kinderteller aus.

Wie viele Kalorien verbrauchen Sie am Tag? 4000?
Mein Grundbedarf liegt nur bei circa 2500 Kalorien. An Trainingstagen zwischen 5000 und 7000. Esse ich im «Tibits», muss ich meinen Teller immer mit Bedacht laden, damit genug draufpasst.

Sie sind oft hier?
Klar, mindestens einmal die Woche, das Essen ist gut, und die Inhaltsstoffe sind alle genau deklariert.

Viele stellen sich veganes Essen freudlos vor. Erst recht an Weihnachten, wenn geschlemmt wird. Wissen Sie schon, was es bei Ihnen geben wird?
Das ist noch eine Überraschung. An Weihnachten treffen sich bei uns immer die ganze Familie und viele Freunde. 25 Personen kommen da schon zusammen. Ein guter Freund von mir kocht verschiedene vegane Speisen. Der steht dann tagelang in der Küche. Was es gibt, verrät er vorher nicht. Aber Sie müssen sich keine Sorgen machen. Es wird ein Fest – auch kulinarisch. Letztes Jahr gab es zum Beispiel Baguette mit Datteltomatenkonfitüre, Pistaziencremesuppe und einen Schwarzwurzelsalat mit Morcheln.

Seit wann sind Sie Veganer?
Richtig damit angefangen habe ich mit etwa 18 Jahren. Aber vegetarisch habe ich schon als Kind gelebt.

Wie kam das?
Meine ältere Schwester, sie war fünf oder sechs Jahre alt, wollte wissen, woher das Fleisch kommt. Als sie erfuhr, dass es industriell geschlachtet wird, entschied sie, auf Fleisch zu verzichten. Wir waren ein tierliebender Haushalt, besassen Hunde, Katzen und Kaninchen. Nach und nach haben auch mein jüngerer Bruder, meine Eltern und ich aufgehört, Fleisch zu essen. Wir konnten den Unterschied zwischen den sogenannten Nutztieren und unseren Haustieren nicht mehr nachvollziehen und unterstützen.

Wurden Sie von Ihren Schulkameraden deswegen aufgezogen? Damals waren ja selbst Vegetarier noch Exoten.
Stimmt schon, es gab immer wieder Kommentare. Zum Beispiel, dass wir doch alle von den Höhlenbewohnern abstammen, und die hätten sich nun mal grösstenteils von Fleisch ernährt. Ich habe geantwortet, dass wir modernen Menschen genau das nicht mehr sind: Höhlenbewohner. Sondern, dass wir Kultur haben und zivilisiert sind. Dazu passt es nicht, dass man Tiere tötet, zumal man Fleisch nicht zum Leben braucht.

Das klingt sehr argumentationssicher für ein Kind.
Bei uns zu Hause wurde immer viel diskutiert, über alle möglichen Themen. Wir Kinder waren auch oft bei unserer Urgrossmutter mütterlicherseits. Die hatte beide Weltkriege miterlebt und war, wie meine Grossmutter und meine Eltern, sehr an Politik interessiert. Eigene Argumente einzubringen, war mir schon früh vertraut. Im Übrigen war es für mich als Kind logisch, dass man keine Tiere isst. Kein Kind will ein Tier töten. Kinder werden dazu erzogen, Schwächeren zu helfen. Und das sind die Tiere ja im Kontext menschlicher Macht.

Bei den meisten Kindern wächst sich diese Moral mit zunehmendem Alter aus.
Bei mir hat sich das gefestigt. Veganer sein ist eigentlich noch selbstverständlicher als Vegetarier zu sein. Wenn wir Menschen meinen, schon so überlegen zu sein, die Krone der Schöpfung, wie man so schön sagt, wie kann es dann okay sein, Tiere für den eigenen Genuss umzubringen? Weltweit werden an die 70 Milliarden Tiere im Jahr getötet. Das widerspricht doch der Forderung nach Barmherzigkeit und Mitgefühl, die dem Menschen als ihn auszeichnende Fähigkeit zugesprochen wird.

Nun sind Sie aber Eishockeyspieler und betreiben eine der härtesten Sportarten, bei der Gehirnerschütterungen und Knochenbrüche an der Tagesordnung sind.
Das ist kein Widerspruch zu meiner sonstigen Lebenseinstellung. Auch im Fussball gehts zur Sache, der ist nicht weniger brachial. Dass es sich in diesen Sportarten um ein Kräftemessen nach erprobten Regeln handelt, ist doch legitim.

Einerseits plädieren Sie für Barmherzigkeit mit den Tieren, andererseits braten Sie Ihrem Gegner auch mal eins über. Ist das nicht ein Widerspruch?
Ich schlage doch meinem Gegner nicht auf den Kopf! Ich muss mich körperlich durchsetzen. Das eine und das andere haben nichts miteinander zu tun. Eishockey ist nicht Mord und Totschlag. Es ist ein Spiel, bei dem sich Männer in ritualisierter Form austoben. Das ist nicht unmoralisch.  

Sind Sie in der Eishockeyszene kein Exot?
Na ja, ich bin der einzige Veganer weit und breit. Aber mittlerweile weiss das jeder. Ausserdem wird es inzwischen vermutlich wenigstens ein paar Vegetarier in der Szene geben.

Sie trainieren täglich drei Stunden.  Wie kann ein Veganer die nötigen Körperkräfte entwickeln, wenn er kein tierisches Eiweiss isst?
Das ist überhaupt kein Problem. Ich koche fast immer selber. Es gibt Linsen, Bohnen, Erbsen, Avocados, Nüsse, Mandeln – alles Lebensmittel mit einem hohen Eiweissgehalt und hohem Nährwert.

Sie sind ständig in der ganzen Welt unterwegs. Wie verpflegen Sie sich auswärts?
Da nehme ich mir meist etwas mit. Studentenfutter, Nüsse, Tofu-Sandwiches. Ausserdem gibt es mittlerweile fast überall fernöstliche oder nahöstliche Restaurants, thailändische, indische, die veganes Essen anbieten. Da verhungert keiner.

Als Veganer tragen Sie kein Leder, lehnen tierische Produkt grundsätzlich ab. Ist das im Alltag nicht ein logistischer Aufwand?
Schuhe sind kein Problem. Die gibts auch aus Kunststoff. Ansonsten entwickelt man ein Gefühl dafür: Fertigprodukte, die oft versteckt tierische Inhaltsstoffe enthalten, meide ich sowieso. Allerdings finde ich es an der Zeit, dass eine öffentliche Diskussion stattfindet über Deklarationspflichten. Auch bei Medikamenten sollte genau draufstehen, was drin ist.

Angenommen, Sie wären krank und nur ein Medikament würde Ihnen helfen, in dem tierische Stoffe enthalten sind. Was würden Sie tun?
Da muss ich etwas ausholen. In Medikamenten sind nie tierische Stoffe enthalten. Sie bestehen aus chemischen Substanzen. Sie sind zum Teil in Gelatinekapseln tierischer Herkunft verpackt, zum Teil in pflanzlichen Kapseln. Das Problem ist, dass Medikamente von Gesetzes wegen an Tieren getestet werden müssen, und da bin ich klar dagegen. Wie alle Eishockeyspieler musste ich aber immer mal wieder Schmerzmittel nehmen. Leider gibt es gar keine anderen als an Tieren getestete Schmerzmittel auf dem Markt.

Man rechnet mit drei bis fünf Prozent Vegetariern und Veganern in der Gesellschaft. Fühlen Sie sich als Angehöriger einer winzigen Minderheit nicht allein auf weiter Flur?
Aber nein. Ich bewege mich ganz normal in dieser Gesellschaft. Ich bin doch kein subversives Element. Ich habe Massstäbe, die sich nicht mit denen der Mehrheit decken. Deshalb müssen sie nicht falsch sein. Und ausserdem ändert sich die Einstellung zu einer veganen Ernährung langsam in der Gesellschaft. Meine Schwester ist gerade in den USA für einen Forschungsaufenthalt an der Universität in Yale. Dort werden den Studenten vor jedem Vorlesungssaal Früchte und ausschliesslich vegane Snacks angeboten, worüber sich von den über 11000 Studierenden niemand beschwert oder auch nur wundert. Die Gründe dafür dort sind ökologischer Natur.

Vorhin haben Sie von Barmherzigkeit gesprochen. Sind Sie religiös?
Nicht im Sinn, dass ich Christ, Hindu oder Muslim wäre. Ich glaube an ein übergeordnetes Prinzip, das über dem irdischen Leben steht. Das heisst, dass das Immaterielle über dem Materiellen steht. Der Mensch soll sich nicht den Zwängen seiner eigenen Natur unterwerfen, sich nicht selber mit seinen Bedürfnissen und Vorstellungen als das Mass aller Dinge sehen. Das würde früher oder später zu einem «Zurück zur Natur» führen, was wiederum heissen würde: weg vom Rechtsstaat, zurück zum Faustrecht. Deshalb erinnere ich an die fundamentale Anweisung jeder Religion: Du sollst nicht töten. Die ist für mich bindend.

Der Löwe frisst die Antilope, die Katze trinkt Milch – ist es nicht natürlich, dass der Mensch Fleisch isst und Milch trinkt?
Vom Menschen sagt man, dass er human sein solle, das würde aber doch heissen, dass er sich nicht von fühlenden Wesen ernährt, deren Fleisch er zum Leben nicht braucht. Was ist natürlich daran, dass ein Mensch nach dem Säuglingsalters Milch trinkt? Milch ist nur dazu da, das Junge zu ernähren. Dass ein erwachsener Mensch die Milch einer fremden Spezies von Natur aus braucht, ist schlicht unmöglich. Und einer fremden Art das Junge wegzunehmen, damit man die für ihn bestimmte Milch trinken kann, ist ebenfalls nicht biologisch vorgegeben. Bloss weil einer die Macht hat, der Natur auf diese Weise ins Handwerk zu pfuschen, ist das noch lange nicht legitim. Ich glaube nicht an das Prinzip des darwinschen Überleben des Stärkeren.

Ihre Freundin ist ebenfalls Veganerin. Könnten Sie mit einer Fleischesserin leben?
Ich verurteile niemanden, der Fleisch isst. Das steht mir nicht zu. Aber in einer Beziehung sollte man sich in den existenziellen Fragen schon einig sein.

Interview: Christiane Binder | Fotos: Raffael Waldner

Andreas Hänni

Andreas Hänni

Andreas Hänni (34) wurde 2010 und 2013 mit dem SC Bern Schweizer Eishockeymeister. Neben seiner Sportkarriere studiert er Kommunikationswissenschaften in Lugano.