Essen auf Zypern

veröffentlicht am 01.10.2008

 

Die Mittelmeerinsel Zypern ist Heimat des ältesten bekannten Weins. Doch die lokalen Winzer müssen ihre Eigenständigkeit erst wieder finden.

Dank des Berliner Mauerfalls 1989 gibt es auf Zypern guten Wein. Davor beherrschten vier staatliche Weingenossenschaften den Markt. Sie produzierten vor allem aus der einheimischen Traubensorte Mavro Billigware, die sie in die Sowjetunion und in die übrigen osteuropäischen Staaten lieferten. Der Wein wurde im alten Hafen von Limassol direkt von der Hafenkellerei über eine Pipeline in die Schiffe gepumpt. Mit dem Ende der Sowjetunion brachen die Hauptmärkte für den zypriotischen Wein ein. Hobbywinzer, die meist aus der Gastronomie stammten, nutzten diese Chance, um neue Qualitätsstandards zu setzen.

Viel Potenzial für Zyperns Winzer

Mit staatlicher Hilfe begannen die Amateure, alte, fast vergessene Traubensorten wie die Maratheftiko zu pflegen. Oder sie bauten importierte Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Shiraz und Chardonnay an. Von diesen anfänglich noch laienhaften Bemühungen profitiert heute die nächste Generation der Weinproduzenten, angeführt von zwei ehrgeizigen Önologen: Sophokles Vlassides von der gleichnamigen Kellerei in Kilani und Minas Mina von der Kellerei Kyperounda. Die beiden haben im Troodos-Gebirge Spitzenweine geschaffen und den rund dreissig anderen privaten Produzenten neue Wege geebnet. «Wir stehen erst am Anfang, das Potenzial für Verbesserungen ist enorm», sagt Vlassides, der die Besucher auf dem Dorfplatz von Kilani empfängt, wo die Männer mit dem Popen der griechisch-orthodoxen Kirche ihren Kaffee trinken und Backgammon spielen. «Die Ernte ist eingefahren, und die Bauern haben Zeit, mir beim Arbeiten zuzuschauen.» Vlassides’ Kellerei liegt neben dem Dorfplatz. Die anfängliche Skepsis gegenüber dem Neuling ist in den vergangenen Jahren verflogen; Vlassides hat mit seinen Weinen längst alle Preise gewonnen, die auf Zypern zu vergeben sind. «Die Leute hier trinken nach wie vor ihren in Tontöpfen gekelterten Mavro. Doch sie sehen, dass ich meine Weine verkaufen kann, täglich Touristen in meine Kellerei strömen und so die lokale Wirtschaft belebt wird.»

Obwohl Sophokles Vlassides heute den besten Shiraz der Insel produziert, experimentiert er noch immer mit der seltenen Maratheftiko-Traube, mit der er bereits beachtliche Resultate erzielt. «Für einen allfälligen Export müssen wir auf einheimische Sorten setzen. Die Touristen und Weinliebhaber sind vor allem auf der Suche nach zypriotischen Spezialitäten.»

Gleicher Ansicht ist Minas Mina von der Kellerei Kyperounda. Er hat mit der einheimischen Xynisteri-Traube einen hervorragenden Weisswein gekeltert, der leicht nach Quitten duftet. Und sein Chardonnay zählt zu den besten der Insel. «Wir sind auf die importierten Sorten angewiesen, da es noch zu wenige einheimische Reben gibt. Und die Nachfrage auf der Insel tendiert nach wie vor in Richtung importierte Weinsorten», sagt Minas Mina. «Zudem kann der zypriotische Wein mit den Importprodukten aus Griechenland, Spanien, Italien und Frankreich preislich nicht mithalten. Er muss schon Qualität und Eigenständigkeit bieten. Danach lechzen die Weinliebhaber auf ihren Degustationstouren.»

Auf der Suche nach Eigenständigkeit

Erste zaghafte Exportversuche gibt es dank des innovativen Basler Weinimporteurs und Zypernliebhabers Bernhard Furler vor allem in die Schweiz. «Es wird noch einige Zeit dauern, bis wir mit dem Export Erfolg haben», sagt Theodoros Fikardos, einer von Furlers Lieferanten. Er begann 1990 als erster privater Weinproduzent im Westen der Insel, im Paphos-Gebiet. Heute füllt er jährlich 350 000 Flaschen ab. Fikardos gehört neben den beiden Spitzenönologen zu den Erfolgreichen in der Branche, doch auch er exportiert gerade mal zwei Prozent seiner Produktion. «Die Revolution auf Zyperns Weinmarkt hat eben erst begonnen.»

Auf Grund der stark wachsenden Tourismusindustrie Zyperns müssen sich die Weinmacher nicht um ihren Absatz sorgen. An die sechzig Prozent der Produktion liefern sie an die Gastronomie und Hotellerie. Denn ihre Spitzenweine harmonieren mit der reichhaltigen, mediterran-orientalisch geprägten Küche der Insel. Vor allem mit den Mezze, die man auch aus dem Vorderen Orient kennt. Die Häppchen, deren Bezeichnung aus dem altpersischen Farsi stammt und übersetzt delikater Geschmack heisst, dominieren die lokale Küche. Die Xynisteri-Weine passen vorzüglich zu Mezze wie den in Süsswein marinierten Champignons und zum aussergewöhnlichen zweijährigen Hartkäse aus Paphos. Die jungen, noch entwicklungsbedürftigen Maratheftiko-Kreationen begleiten den Ziegeneintopf Tavas mit Trockenfeigen oder die luftgetrockneten Lucanico-Würste aus dem Troodos-Gebirge, die der Gourmetpionier Georg Demetriades in seinem Restaurant 7 Georges in Paphos auftischt. Auch der Star unter den zypriotischen Köchen, Roddy Damalis, schwört auf die neuen einheimischen Weine. «Sie bilden die Basis einer modernen Mezzeküche», sagt er. Sein Lokal Ta Piatakia in Limassol ist in der Regel auf Wochen ausgebucht.

Astossen mit dem Tunk der Ritter

Auch wenn es noch einige Zeit dauern dürfte, bis Zyperns neue Weinkreationen in Europa Fuss fassen, ein Wein hat es längst geschafft: der Süsswein Commandaria, der älteste bekannte Wein der Welt und der erste, der mit einer Ursprungsbezeichnung versehen wurde. Er ist in kulinarischen Kreisen längst verankert, auch wenn er weniger verbreitet ist als die weit jüngeren Kreationen Madeiras, Portos oder aus der Jerez-Region in Südspanien. Der würzige Süsswein, dem das Hauptquartier von Kreuzrittern im Mittelalter seinen Namen gab, wird nach alter Tradition produziert. «Er wird nicht wie moderne Weine gepflegt, sondern quasi nach Rezept, ohne grosse Pflege der Weingärten und der Reben hergestellt», erzählt Sophokles Vlassides. Dass dabei aus den sonst verschmähten Mavro- und Xynisteri-Trauben dennoch ausgezeichnete Resultate erzielt werden, führt Vlassides auf pures Glück zurück. «Hier hat die Tradition ein Naturprodukt erhalten, das in der Weinwelt wohl einmalig ist.»

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Text: Dominik Flammer, Fotos: Marvin Zilm

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Rezepte aus Zypern

Reise-Highlights

Neon Phaliron

135, Gladstonos Street, Limassol, Cyprus

Tel. 25 365 768. Erstklassige Mezzeküche, ausgesuchtes Weinangebot. Angesagt bei der Jeunesse dorée. Preise: eher hoch.

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St. Georges Tavern

Yeroskepos, Kato Paphos, Cyprus

Tel. 09 655 824. Mezzeküche traditioneller Art mit vielen Naturprodukten. Sensationelle Käseauswahl, grossartige Gerichte mit wilden, eingelegten Pilzen. Preise: mittel.

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Ladas Old Harbour

1, Saadi, Limassol, Cyprus

Tel. 25 365 760. Fischlokal in umgebauter Fabrik, jüngeres Publikum. Einfache, gute Küche, wie sie im Süden der Insel selten ist. Preise: eher hoch.

Ta Piatakia

7, Nikodimou Mylona, Limassol, Cyprus

Tel. 25 745 017. Modernste Interpretation der Mezzeküche, absoluter In-Place der Insel. Roddy Damalis zaubert Gerichte, die sehr einfach und kaum zu übertreffen sind. Preise: eher hoch.

Keo

1, Franklin Roosevelt Avenue, Limassol, Cyprus

Tel. 25 853 100. Grösste Kellerei Zyperns, bekannt vor allem für ihren sensationellen Commandaria, den ältesten Süsswein der Welt.

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Fikardos Winery

Mesoyi Industrial Area, Mesoyi, Paphos, Cyprus

Tel. 26 949 814. Innovativer Winzer mit breit gefächerter Auswahl auch an einheimischen Weinen.

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Kolios Winery

Statos, Agios Fotios, Paphos, Cyprus

Tel. 26 724 090. Angesehene Kellerei mit grossem Angebot. Baut sowohl einheimische als auch importierte Sorten an.

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Vlassides Winery

Kilani, massif du Troodos, Cyprus

Tel. 25 471 482. Sophokles Vlassides ist der Star unter Zyperns Winzern. Seine Kreationen mit einheimischen Trauben sind einmalig, doch auch sein Shiraz gehört zur mediterranen Topklasse.

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Tsiakkas Winery

Pitsilia, regione Troodos, Cyprus

Tel. 25 991 080. Schöne Tischweine zu vernünftigen Preisen, im Spitzensegment jedoch kaum vertreten.

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Kyperounda Winery

Kyperounda, regione Troodos, Cyprus

Tel. 22 471 111. Der Weisswein des Starönologen Minas Mina mit der einheimischen Xynisteri-Traube ist einzigartig. Doch auch sein Chardonnay gehört zum Besten, was Zypern an Weinen zu bieten hat.

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Vasa Winery

Vasa, regione Troodos, Cyprus

Tel. 25 945 999. Geheimtipp. Kleine, idyllisch gelegene Kellerei mit schönen Weinen zu zahlbaren Preisen.

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