Essen in Washington

veröffentlicht am 29.06.2009

 

Im Rampenlicht des ausgehfreudigen neuen Präsidentenehepaares zeigt die Gastronomie der amerikanischen Hauptstadt, dass sie Weltformat hat – durchaus auch, weil sie sich gekonnt der internationalen Küchen bedient.

In der Cafeteria des amerikanischen Senats steht seit 1901 täglich Bohnensuppe auf der Karte. Die «US Senate Bean Soup» ist inzwischen so berühmt, dass sie in Konservendosen angeboten wird und unter amazon.com erhältlich ist. Etwa weil die dickflüssige Brühe aus weissen Bohnen und Beinschinken so gut schmeckt? Ähm … diplomatisch ausgedrückt: Wäre sie die einzige Spezialität, die Washington DC dem neuen Präsidenten zu bieten hätte, würde sich Barack Obama vermutlich bald auf Rohkost aus dem Garten beschränken. Im Frühling hatte seine Frau Michelle nämlich Gemüse neben dem Weissen Haus gepflanzt.

Gastroszene tritt aus New Yorks Schatten

Tatsächlich aber sind die Obamas in eine Stadt gezogen, die in kulinarischer Hinsicht jede Menge köstlicher Überraschungen bereithält. Bloss hat das bisher niemand so richtig gemerkt. «Washington stand immer im Schatten von New York und Los Angeles», sagt José Andrés, «dabei verfügen wir über eine blühende internationale Gastronomie. » José Andrés hat entscheidend zum Blühen dieser Gastronomie beigetragen. Der gebürtige Spanier machte die USA quasi im Alleingang mit dem Tapas-Konzept bekannt, als er vor 15 Jahren sein erstes Restaurant Jaleo in Washington eröffnete. Mittlerweile herrscht Andrés über ein Imperium, vom mexikanischen «Oyamel» bis zum orientalischen «Zaytinya». «Ich bin ein Geschichtenerzähler», sagt Andrés, «ich erzähle die Geschichte von Ländern und Völkern durchs Essen.» In seinem jüngsten Etablissement «Minibar» erzählt Andrés seine ganz persönliche Geschichte. Nur sechs Gäste finden hier abends an der Bar Platz, hinter der der Chef mit seinen Gehilfen ein Gaumenkitzelfest in 33 Gängen zubereitet. Kein Wunder, dass das «Minibar» permanent ausgebucht ist. Geräucherte Austern mit Wacholderbeeren, Foie-gras-Zuckerwatte, Olivenöl-Bonbons: «Das ist José Andrés, der Künstler», sagt er, «hier lasse ich meiner Kreativität freien Lauf.»

Nach Delikatessen wie «Drachenatem-Popcorn» à la José Andrés sucht man auf der Karte in Michel Richards beiden Lokalen vergeblich. Doch auch bei diesem vor Witz und Lebensfreude sprühenden Franzosen läuft ohne Kreativität gar nichts. Richard, der vor über dreissig Jahren in die Vereinigten Staaten kam und nie mehr wegwollte, ist der Doyen der Washingtoner Spitzengastronomie. Im «Citronelle», das als eines der besten Restaurants des Landes gilt und das das Präsidentenpaar vor kurzem höchstselbst beehrte, serviert Richard französische Haute Cuisine. Derweil lässt er in der offenen Küche des «Central Michel Richard» seinen Schützling Cedric Maupillier begeisterte Gäste mit budgetfreundlicherer Bistroküche verwöhnen. «Ich will meinen Gästen das Gefühl geben, dass jedes Gericht mit viel Sorgfalt ganz speziell für sie zubereitet worden ist», sagt Michel Richard – ob es sich dabei nun um ein Jungtäubchenconfit oder um ein Pouletbrüstchen mit Orangen-Senf-Sauce handelt. Cedric Maupillier seinerseits nutzt die Narrenfreiheit, die ihm sein «Patron» gewährt, etwa um urfranzösische Froschschenkel mit Barbecuesauce zu kombinieren.

Äthiopische Hauptstadt ausserhalb Afrikas

«Washingtoner sind abenteuerlustige Esser», sagt Henuk Tesfaye. «Viele unserer Gäste kennen die äthiopische Küche, wenn sie erstmals zu uns kommen.» Äthiopisch? Washington DC beherbergt eine der grössten äthiopischen Gemeinden ausserhalb Afrikas und zählt mehr äthiopische Restaurants als jede andere Stadt der USA. Henuk Tesfaye ist Teil des einzigartigen Familienbetriebs «Etete». Das Wort bedeutet Mama auf Amharisch. Und die Mama, die Seele dieses intimen in Washingtons «Klein-Äthiopien» gelegenen Restaurants, ist Tesfayes Mutter Tiwaltengus Shenegelgne. «Sie hat im Haushalt der königlichen Familie in Äthiopien kochen gelernt», sagt Henuk Tesfaye. «Dieses Restaurant haben mein Bruder und ich ihr geschenkt, weil es für sie nichts Schöneres gibt, als andere Menschen zu verköstigen.» Etete lässt ihren Sohn reden – und kocht. So gut und so authentisch, dass Gastrokritiker und Gourmets ihr Restaurant zum besten äthiopischen in Washington wählten. Auf das traditionelle crêpeartige Fladenbrot Injera schöpft Etete ihren Gästen an sieben Tagen pro Woche oft persönlich Häufchen diverser saftiger Fleischstückchen in feinen Saucen, raffiniert gewürzte Gemüse und Hülsenfrüchte, sie tröpfelt geschmolzene Butter über dies und löffelt hausgemachten Sauerrahm neben jenes.

Ein Inder ist der König der Schokolade

Internationalität ist Trumpf in Washington DC. Bei über 190 Botschaftsvertretungen mitsamt importierter Belegschaft versteht sich das von selbst. So sind auch die aktuellen Genusstrends in dieser Stadt nicht ganz hausgemacht: Schokoladenbars und Weinbars. «In New York sind sie schon seit langem ein Erfolg», sagt Santosh Tiptur vom «Coco Sala», «aber in Washington ist Schokolade der Renner.» Tiptur hat sein süsses Handwerk in seiner Heimatstadt Kalkutta in einem Hotel von einem Schweizer gelernt. Seine Liebe zur Schokolade weckte nicht Lindt oder Suchard, sondern ein Caramel mit Schokoladenüberzug britischer Herstellung. «Ich musste jeweils für die ganze Familie einkaufen, und das war meine Belohnung», erinnert sich Tiptur. Im schicken «Coco Sala», das sich abends in eine Lounge mit Livemusik verwandelt, erledigen andere den Einkauf. Tiptur bestellt bloss: Frische Mango für die Mango-Lassi-Pralinés oder Zitronengras für seinen Schokoreispudding. «Ich möchte Schokolade in ihrer ganzen Vielseitigkeit präsentieren», sagt Tiptur, «einmal vertraut, einmal als neues Geschmackserlebnis.»

Auf neue Geschmackserlebnisse haben es auch Diane Gross und Khalid Pitts in der Cork Wine Bar abgesehen. Im Gegensatz zu anderen Vinotheken lockt «Cork» ausschliesslich mit europäischem Wein von kleinen unbekannteren Gütern: «Wir bieten sie zu erschwinglichen Preise an», erklärt Khalid Pitts, «zugleich entspricht unsere Auswahl unserer eigenen Vorliebe.» Pitts und Gross haben sich vor über zehn Jahren beim Weinprobieren verliebt. Mit «Cork» haben sie sich einen Lebenstraum erfüllt. «Es soll ein Treffpunkt für die Nachbarschaft sein», sagt Diane Gross. Dabei reisen die Gäste bereits aus Kalifornien an, um sich durchs Corksche Angebot zu nippen. Auch vom Regierungshügel haben schon jede Menge Weinfreunde ihren Weg in das angenehm rustikale Lokal gefunden. «Die Leute in Barack Obamas Regierung sind viel ausgehfreudiger als ihre Vorgänger», sagt Diane Gross. Bloss eine Frage der Zeit also, bis der Boss und seine Gemahlin ebenfalls auf ein Gläschen vorbeikommen.

Copyright-Hinweise

Text: Sacha Verna, Fotos: David Nicolas

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Rezepte aus Washington

Reise-Highlights

Minibar by José Andrés

405 8th Street, NW

Tel. 202 393 0812. Di–Sa ab 18 Uhr. 33 Gänge für sechs Gäste an fünf Abenden pro Woche, à la minute zubereitet vom Meister persönlich. Ein einzigartiges kulinarisches Erlebnis. Preise: hoch

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Jaleo

408 7th Street, NW

Tel. 202 628 7949. So/Mo 11.30–22 Uhr, Di–Do 11.30–23.30 Uhr, Fr/Sa 11.30–24 Uhr. Tapas. Bei schönem Wetter kann man draussen sitzen. Preise: mittel

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Central Michel Richard

1001 Pennsylvania Avenue, NW

Tel. 202 626 0015. Mittags Mo–Fr 11.45–14.30 Uhr, abends Mo–Do 17–22.30 Uhr, Fr/Sa bis 23 Uhr, So bis 21.30 Uhr. Bistroküche mit amerikanisch-internationalem Einschlag. Wurde 2008 zum besten neuen Restaurant der USA gewählt. Preise: mittel

Citronelle

3000 M Street, NW

Tel. 202 625 2150. Französische Haute Cusine mit allem Drum und Dran. Gilt als eines der besten Restaurants der USA. Preise: hoch

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Coco Sala

929 F Street, NW

Tel. 202 347 4265. Mittags Mo–Fr 11–15.30 Uhr, So bis 15 Uhr, abends Mo–Mi 17–21.30 Uhr, Do bis 22 Uhr, Fr/Sa bis 23.30 Uhr. Originellste unter den neu eröffneten Schokoladenbars. Bietet neben hausgemachten Truffes, Pralinés und mehrgängigen Dessertmenüs kleine raffinierte Salate, Pasta-, Fisch- und Fleischgerichte an. Preise: tief

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Etete

1942 9th Street, NW

Tel. 202 232 7600. Täglich 11–1 Uhr. Familienbetrieb, dessen Seele Etete («Mama» Tiwaltengus Shenegelgne) alle von der Köstlichkeit der äthiopischen Küche überzeugen wird und niemanden hungrig das Lokal verlassen lässt. Preise: sehr tief

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Cork Wine Bar

1720 14th Street, NW

Tel. 202 265 2675. So/Di/Mi 17–24 Uhr, Do–Sa bis 1 Uhr, Weinsnobs und Limonadentrinker fühlen sich in der entspannten Atmosphäre dieser Vinothek gleichermassen wohl. Sie können Neues entdecken, sei es begleitet von Knabbereien zum Apéro oder zu einem feinen Abendessen. Preise: tief

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Ben’s Chili Bowl

1213 U Street, NW

Tel. 202 667 0909. Mo–Do 6–2 Uhr, Fr 6–4 Uhr, Sa 7–4 Uhr, So 11–23 Uhr. Diner, das man weniger wegen des Essens aufsucht als wegen des historischen Charakters und neuerdings auch, weil Barack Obama in seiner ersten Woche als Präsident hier mit dem Bürgermeister der Stadt auf einen Hotdog mit Pommes Chips einkehrte. Preise: sehr tief

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Hook

3241 M Street, NW

Tel. 202 625 4488. Mittags Di–Fr 11.30–14.30 Uhr, Sa/So 11–17 Uhr, abends So–Di 17–22 Uhr, Mi–Sa bis 23 Uhr. Eines der besten Fischrestaurants, das nur Meeresbewohner serviert, die nicht vom Aussterben bedroht sind. In Georgetown gelegen, dem ältesten Quartier, in dem auch das älteste Haus steht: The Old Stone House wurde 1765 erbaut. Preise: tief

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Eastern Market

306 7th Street, SE

Sa/So 7–16 Uhr, Früchte- und Gemüsemarkt, Handgemachtes (Keramik, Schmuck usw.), Flohmarkt.

Marvelous Market

303 7th Street, SE

Tel. 202 544 7127, und weitere Filialen. Das berühmteste Delikatessgeschäft der Stadt, in dem man sich mit frischen Sandwiches und Salaten eindecken kann.

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Red Velvet

675 E Street, NW

Tel. 202 347 7895. Frische Cupcakes, die jeden Probier- und Schönheitswettbewerb gewinnen.

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The Capital Hilton

1001 16th Street, NW

Tel. 202 393 1000. Zimmer ab 250 Dollar. Auch buchbar über Hotelplan, Tel. 043 211 88 85, www.hotelplan.ch. Keine fünf Gehminuten entfernt vom Weissen Haus und der National Mall mit all ihren Museen. Idealer Standort auch zum Erkunden der übrigen Stadt.

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