Essen in Rotterdam

veröffentlicht am 01.10.2007

 

Garnelen, Krebse oder junge Heringe – in der holländischen Hafenstadt Rotterdam werden Speisen aus dem Meer meist pur serviert. In Sachen Architektur hingegen setzt man auf Veränderung.

Bedrohlich türmen sich die Wolken auf und verdunkeln die avantgardistischen Gebäudetürme am Ufer der Nieuwe Maas. Das Wasser des Flusses hat die Farbe von geschmolzenem Blei. Die alten Hausboote im Veerhaven rupfen an ihren Ketten wie übermütige Hunde an der Leine. Auf der Erasmusbrücke peitscht der Wind den Fussgängern und Velofahrern harte Regentropfen ins Gesicht. Doch kaum ist der Schirm aufgespannt, sind die Wolken verschwunden, und die Skyline von Rotterdam erstrahlt wieder vor makellos königsblauem Himmel. Die Brücke klappt hoch. Gemächlich gleitet ein Frachter vorbei. Was gerade noch war, gilt bereits nicht mehr. Die Stadt hat sich wieder einmal in Sekundenschnelle gewandelt. Bereits im 17. Jahrhundert legten im Hafen von Rotterdam Schiffe an und nahmen Menschen an Bord, die bereit waren, alles hinter sich zu lassen und fremde und eigene Grenzen zu überschreiten. Diese Sehnsucht nach bedingungsloser Ausbreitung, der Drang, Neues zu schaffen, spiegelt sich noch immer in der Architektur der Stadt. 1898 wurde hier mit dem 45 Meter hohen Witte Huis, dem weissen Haus, der erste Wolkenkratzer in Europa gebaut. Es ist eines der wenigen Gebäude der Stadt, das im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde. In der verwüsteten Brachlandschaft errichtete man nach dem Krieg eine neue weltoffene Metropole in einer Architektur der Superlative.

Expansion in allen Dimensionen

Diese extensive Bautätigkeit ist auch heute noch ungebrochen. Im stets wachsenden Hafen von Rotterdam, einem der grössten der Welt, werden jährlich rund 30 000 Ozeanriesen und 133 000 Binnenschiffe abgefertigt. Auf der Halbinsel zwischen Rijnhaven und Nieuwe Maas neben dem höchsten bewohnten Wolkenkratzer Hollands, dem 152 Meter hohen Montevideo-Komplex, hat vor zwei Monaten das grösste Fischrestaurant von Holland, das «Las Palmas», seine Türen geöffnet. In riesigen Aquarien vor blau-weiss gekachelten Wänden schwimmen die kulinarischen Schätze der Weltmeere vor den Augen der Gäste. Gleich daneben im ehemaligen Reedereigebäude der Holland-Amerika-Linie befindet sich das Hotel New York. Die goldenen Lettern leuchten von der roten Backsteinmauer des Art-déco-Gebäudes. Im Erdgeschoss, wo früher Schiffskarten für die Atlantiküberfahrt gelöst wurden, taucht man heute Krebse und Garnelen aus der Region in Senf- oder Cocktailsauce. Dazu werden Bitterballen gereicht, frittierte Kartoffel-Fleisch-Kugeln, die ursprünglich Beilage zum Bitter waren, einem Schnaps.

Am anderen Ufer der Nieuwe Maas liegt das Scheepvaartkwartier. Man erreicht es zu Fuss über die Erasmusbrücke oder bequem vom Hotel New York aus mit dem Wassertaxi. Aus den Gebäuden und Lagerräumen der Schifffahrtsgesellschaften sind unter Einsatz von viel Kreativität und wenig Geld Hotels und Restaurants entstanden. Ein Must für kulinarische Stadtwanderer. Das Restaurant Zinc war früher das letzte Gebäude am Wasser. Damals wurden hier Schiffstaue gelagert. Heute servieren die Brüder Daniel und Jos Baris im kleinen gekachelten Raum delikate Hausmannskost. Die Gerichte, die durch einen schmalen, mit Sägemehl bestreuten Gang an die Tische balanciert werden, sind einfach und deftig. Die Einrichtung des Restaurants ist selbst gezimmert, Tischtücher und Geschirr wurden günstig auf dem Flohmarkt erstanden, der Kartoffelstock, der wie die Suppe direkt am Tisch aus der Pfanne geschöpft wird, ist unbezahlbar gut.

Kreativität statt Geld

Gleich um die Ecke schwingt Patrick ’t Hart im «Zeezout» (Meersalz) den Kochlöffel. 70 bis 80 Stunden pro Woche steht der Workaholic in seiner topmodernen Stahlküche, in die man vom Tisch aus hineinblicken kann. Sein Beruf sei eben seine Leidenschaft, sagt er, der schon als Zwölfjähriger begonnen habe, an freien Schulnachmittagen im benachbarten Wirtshaus zu kochen. Das «Zeezout», in Delfter Blau getaucht, ist bekannt für seine Fischspezialitäten. Als Patrick ’t Hart den Betrieb eröffnete, gab es in ganz Rotterdam kein einziges Fischrestaurant. Fisch, vorzugsweise junge Heringe mit Zwiebeln, ass man stehend am Stand am Strassenrand. Heute kann man vielerorts auch im Sitzen frischen Fisch essen. Doch nirgendwo schmeckt er so raffiniert und gleichzeitig so pur wie im «Zeezout». «Mein Ziel», so der Koch, «ist, mit möglichst wenig Zutaten das Beste aus einem Produkt herauszuholen, sodass man es noch erkennt.» Was ihm meisterhaft gelingt und im Übrigen nicht nur für die Zubereitung von Meerestieren gilt: Die zum Kaffee gereichten Süssigkeiten stehen dem köstlichen Fisch in nichts nach.

Geht man am Ufer der Nieuwe Maas Richtung Osten, gelangt man zum Oude Haven. Rostige Ketten schlagen an ausgemusterte Schiffsgerippe. Kräne schaufeln Geröll aus dem Hafenbecken. Tagsüber wird gebaut, nachts gefeiert. Unzählige Lokale, Bierkneipen und Bars drängen sich um die Mole. Stühle und Tische sind bei fast jedem Wetter draussen. Wolldecken und Heizstrahler sorgen dafür, dass auch die weniger wetterharten Nicht-Niederländer die Hafenatmosphäre geniessen können. Eine steile Treppe, die so eng ist, dass eine Ampel für unfallfreien «Einbahnverkehr» installiert werden musste, führt hinauf zur Spaansekade. Hier hat der holländische Architekt Piet Blom die spektakulären gelben Kubushäuser auf Stelzen gebaut. Gleich daneben befindet sich in einem Hinterhof versteckt ein originelles Kleinstcafé. Im «Proef», das mit ungefähr zwei Meter Breite und sechs Meter Höhe sehr eigene Proportionen aufweist, ist jedes Stück ein Unikat. Hier kommt nichts so auf den Tisch, wie man es erwartet. Bestellt man einen Tee, erhält man eine ganze Palette mit Kräutern und Pulvern zum Auswählen. Der Zucker dazu wird im Marmeladeglas gereicht. Das Frühstück mit rezentem Schafskäse aus Texel und selbstgekochter Birnen-Pflaumen-Marmelade wird samt Kaffee auf schlichten Holzbrettern angerichtet. Die auf der handgemachten Menükarte angekündigte «heisse Liebe» entpuppt sich als würziger Brennnesselkäse aus Ziegenmilch mit Tomatenconfit, umgarnt von knackigen Rucolablättern. Nichts ist hier festgelegt, die Möglichkeiten sind grenzenlos: Aus einem entzweigeschnittenen Löffel werden zwei Messer, Teller hängen zum Mobile zusammengesteckt über dem Tisch, der zum Stuhl wird...

Kaffee im Versicherungsgebäude

Ein paar Strassen weiter lässt sich noch eine Verwandlung besichtigen. Aus dem ehemaligen Bürogebäude, das der holländische Architekt Willem Marinus Dudok in den 40er-Jahren für die Niederländische Versicherung baute, wurde mit viel Rücksicht auf die Originaleinrichtung ein grosszügiges Kaffeehaus gestaltet. Wo früher Heerscharen von Angestellten aufgereiht an ihren Schreibmaschinen schwitzten, blättert man sich heute gemütlich durch die gut bestückte Zeitungsablage, nippt dazu an einem Glas Wein oder geniesst einen der kleinen Snacks, die den ganzen Tag über angeboten werden. Von den Tischen am Fenster aus blickt man auf den Fischstand gegenüber, an dem zur Mittagszeit einfache Beamte in Uniform für fünf Minuten zu hungrigen Wölfen werden.

Copyright-Hinweise

Text: Kathrin Fritz, Fotos: Ruth Erdt

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Rezepte aus Rotterdam

Reise-Highlights

Zeezout

Westerkade 11b, 3016 CL Rotterdam

Tel. +31 10 436 50 49. Di–Fr 12–14 Uhr und 18–22 Uhr, Sa ab 18 Uhr. Direkt an der Nieuwe Maas gelegenes Lokal der mittleren Preisklasse. Ausgezeichnete Fischspezialitäten.

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Zinc

Calandstraat 12a, 3016 CB Rotterdam

Tel. +31 10 436 65 79. Di–So ab 18 Uhr. Sympathisches Restaurant im «schäbig-schick-Stil» mit preiswerter Hausmannskost.

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Hotel New York

Koninginnenhoofd 1, 3072 AD Rotterdam

Tel. +31 10 439 05 00. Täglich 10–23 Uhr. Hotel und Restaurant im ehemaligen Gebäude der Reederei der Holland- Amerika-Linie. Trendy. Niederländische Küche. Preise mittel.

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Proef

Mariniersweg 259/Pannekoekstraat 120, 3011 NM Rotterdam

Tel. +31 10 280 72 97. Di–Sa 8–17.30 Uhr, So 10–17.30 Uhr. Originelles, feines Cafe mit Spezialitäten von niederländischen Bauernhöfen. Selbstgemachte Kuchen und Gebäck. Preiswert.

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Dudok

Meent 88, 3011 JP Rotterdam

Tel. +31 10 433 31 02. Mo–Fr 8–21.30, Sa ab 9, So ab 10 Uhr. Vom Frühstück bis zum High Tea trifft sich die Szene in der riesigen ehemaligen Schalterhalle der holländischen Versicherung. Das Interieur der Brasserie ist original 40er-Jahre. Peiswerte Niederländische Küche.

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Las Palmas

Wilhelminakade 330, 3072 AR Rotterdam

Tel. +31 10 234 51 22. Grösstes Fischrestaurant Hollands. Täglich Meeresfrüchte und Fische aus allen Ländern. Preise mittel.

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Visch

Antoine Platekade 1011, 3072 ME Rotterdam

Tel. +31 10 484 80 08. Modern gestyltes, elegantes Fischrestaurant mit Blick aufs Wasser. Preise hoch.

Odyssee

Antoine Platekade 1017/1021 Zuid Rotterdam

Tel. +31 10 486 39 03. Mo 10–17 Uhr, Di–Fr/So 10–24 Uhr, Sa 16–24 Uhr. Zweistöckige Brasserie mit Spezialitäten aus aller Welt. Im lichten Raum mit den weissen Holzplanken und riesigen Fenstern mit Blick auf den Rijnhaven lässt sich bei hausgemachtem Kuchen angenehm plaudern.

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