Essen in Rio

veröffentlicht am 27.01.2011

 

Menschen und Küche der brasilianischen Metropole sind geprägt von indianischen sowie von europäischen und afrikanischen Einflüssen. Der Mix macht die Spannung aus.

Sambatanzende Gruppen in knappen, bunten Outfits feiern bis in die frühen Morgenstunden. Zehntausende von Zuschauern verfolgen das Spektakel auf den Strassen. Von Freitag bis Aschermittwoch dauert die «fünfte Jahreszeit» in Rio de Janeiro, der Karneval. Dafür muss man gerüstet sein – auch kulinarisch. Am besten mit einer Feijoada. Ursprünglich war dieser Sud aus schwarzen Bohnen, in dem Schweinernes aller Art simmert, das Essen der Sklaven. In der «Academia da Cachaça» kommt es zusammen mit fein geschnittenem gedünstetem Kohl, Reis, Orangenstücken und Pfeffer auf den Tisch. Dazu gehört ein Glas Cachaça. Den Zuckerrohrschnaps trinkt man vor, während oder nach dem herzhaften Mahl.

Die Basis aller Drinks ist die Cachaça

In der 1985 gegründeten «Academia» können Kenner unter 300 erlesenen Cachaça-Sorten wählen. Zum Beispiel den kristallklaren Salinas, die Flasche kostet 150 Franken, oder den leicht nach Caramel duftenden Mangeira, der einem edlen Cognac gleicht. Puristen nippen das Szenegetränk unverdünnt, Drinkliebhaber mit Limettensaft als Caipirinha. In der «Academia» kann man statt der klassischen Variante mit Limetten auch eine mit Maracujá, Cherimoya oder Ananas bestellen. Ebenfalls auf der Karte stehen zahlreiche Batidas, so heissen Cocktails auf Portugiesisch. Grundlage aller Getränke ist immer die Cachaça, die so sanft und stark (38 bis 42 Volumenprozent) sein sollte wie das berühmte Bossa-nova-Girl von Ipanema.

Essend Öko-Projekte unterstützen

António Carlos Jobims gleichnamiger Song von 1962 symbolisiert heute noch Rio de Janeiros Leichtigkeit. Die Hafenstadt ist nach São Paulo die zweitgrösste Metropole des prosperierenden Brasiliens. Afrikanische und europäische Einflüsse sowie die der indianischen Ureinwohner spiegeln sich in den Gesichtern und Hautfarben der sechs Millionen Menschen. Die indigene Bevölkerung macht heute nur noch einen Bruchteil aus, aber sie hat die beliebteste Beilage des Landes erfunden, die Farofa. Ihre Vorfahren pressten die Knollen der Maniokpflanze aus, mahlten und rösteten sie.

Heute gibt es dieses Mehl überall im Handel. Die Farofa, die im Restaurant Via Sete in Ipanema serviert wird, besteht aus dem leicht in Butter gerösteten Maniokmehl. «Dazu kommen Petersilie, Schnittlauch, Rosinen sowie fein geschnittene Zwiebeln, zudem rühren wir Eigelb drunter», sagt Chefkoch Alexandre Magalhães. Zur Farofa serviert er Beef und Palmito de pupunha, grilliertes Palmherz. Dieses kann man guten Gewissens bestellen – es stammt von nachwachsenden Pflanzen. «Wir unterstützen ökologische Projekte», sagt Magalhães. Vom Preis eines jeden Gerichts erhält der WWF einen Real, umgerechnet 60 Rappen. Das «Via Sete» ist immer gut besucht. Vor allem Geschäftsleute und Intellektuelle essen auf der zur Strasse hin offenen Veranda zu Mittag. Die Dekoration des Lokals gestalten abwechselnd verschiedene Künstler.

Noch berühmter als der Strand von Ipanema ist die Copacabana, die der Amerikaner Barry Manilow 1986 besang. Schöne Menschen zeigen am langen weissen Sandstrand viel nackte Haut, Sonnenanbeter geniessen die warmen Strahlen, Volleyballspieler, Velofahrer, Jogger und Surfer suchen Abwechslung vom hektischen Stadtleben.

Die Portugiesen brachten Stockfisch mit

Copacabana heisst nicht nur der vier Kilometer lange Streifen am Atlantik, sondern auch der angrenzende Stadtteil, in dem die betuchteren Cariocas, so werden die Einwohner Rios genannt, leben. In diesem Quartier führt seit 25 Jahren Dona Isis ihr Lokal Siri Mole & Cia, was so viel heisst wie «Weiche Krabbe & Co.». Eine ihrer Spezialitäten, die Moqueca, hat wie die Feijoada afrikanische Wurzeln. Ins Gericht kommen Fische, Kokosmilch und Tomaten. Chefkoch Francisco Mesquita serviert auch noch andere westafrikanisch inspirierte Speisen wie Vatapá, ein Crevettengericht mit Cashewnüssen, die Bohnenmusbällchen Acarajé oder Bobó, einen cremigen Crevetteneintopf, der mit Malaguetta-Peffer gewürzt den Gaumen kitzelt und die Poren öffnet.

Die Meerestiere für diesen Eintopf kauft Dona Isis auf dem São-Pedro-Fischmarkt. Dort gibt es auch Bacalhau, Stockfisch. Dessen verschiedene Zubereitungsarten brachten die Portugiesen, die ehemaligen Kolonialherren Brasiliens, ins Land. In der Bar Urca, die Familie Gomes in dritter Generation führt, wird er unter anderem mit Kichererbsen oder mit Broccoli und Kartoffeln aufgetragen. Am Wochenende setzen sich die Gäste gerne auf die Mureta, die Uferbalustrade vor dem Lokal. Diese verwandelt sich dann in die längste Theke Rios, an der man Bier trinkt und überbackenes Krebsfleisch aus einer Muschelschale löffelt.

Es darf gerne Fleisch sein und reichlich

Neben Fisch in allen Variationen lieben die Einwohner der Stadt opulente Fleischportionen, vor allem wenn sie vom Rind aus dem Süden des Landes stammen. Rund 1200 Gäste lassen sich täglich im «Porcão» (dickes Schwein), dem grössten Grillpalast der Stadt, bewirten. Die Kellner wieseln mit riesigen Fleischspiessen zwischen den Tischen herum und schneiden mundgerechte Stücke auf die Teller der Hungrigen, solange diese Nachschub wünschen. Die einen nehmen Lenden-, Sirloin- oder Rückensteak. Sehr beliebt ist Picanha, der brasilianische Tafelspitz mit Fettkruste. Wer Schwein, Poulet oder Hammel bevorzugt, kommt im «Porcão» ebenfalls auf seine Kosten, zudem locken ein imposantes Vorspeisenbuffet von Koch Jorge Luís und die Aussicht auf die Guanabara-Bucht sowie den 394 Meter hohen Zuckerhut.

Nichts rundet solch ein Mahl besser ab als ein Kaffee mit etwas Süssem. In Rio liebt man Schleckereien. Schliesslich schwimmt das Land in Zucker, die Brasilianer füllen ihn sogar in Form von Ethanol in den Tank.

Beliebter Treffpunkt ist die Confeitaria Colombo mitten in der Altstadt. Der Spiegelsaal erinnert an die Kolonialzeit. Zu Espresso oder Cappuccino kann man zwischen unterschiedlichsten Törtchen, Baisers und gefüllten Taschen wählen. Das sind zwar kleine Kalorienbomben. Doch was solls: Schliesslich folgt auf den Karneval die Fastenzeit. Die beginnt man am besten mit einer Limonada suíça – die Schweizer Limonade ist eine alkoholfreie Caipirinha.

Copyright-Hinweise

Text: Carl D. Goerdeler | Fotos: Anita Back | Rezeptadaption: Janine Neininger

Social Bookmarks

|

Rezepte aus Rio

Reise-Highlights

ESSEN UND TRINKEN 1 | Via Sete

Rua Garcia de Ávila, 125, Ipanema

Experimentierfreudiges, junges Restaurant, das neben einem Edelsteinmuseum liegt. Die Betreiber setzen ganz auf Ökologie und arbeiten mit dem WWF zusammen. Hauptgerichte ab Fr. 20.–. 12–24 Uhr. Tel. 21 2512 8100

Seite besuchen »

2 | Academia da Cachaça

Rua Conde Bernadotte, 26, Leblon

Degustations-Station für alle edlen Cachaças; dazupassende brasilianische Traditionsgerichte ab Fr. 20.–. 12 Uhr bis zum letzten Gast. Tel. 21 2239 1542

Seite besuchen »

3 | Siri Mole & Cia

Rua Raul Pompéia, 6, Copacabana

Grundlage für die typisch afrikanische Küche sind Fische und Meeresfrüchte. Hauptgerichte ab Fr. 22.–. Mo ab 19 Uhr, sonst 12–24 Uhr. Samstags immer grosses Buffet. Tel. 21 2267 0894

Seite besuchen »

4 | Bar Urca

Rua Cândido Gaffrée, 205, Urca

Bekannt für seine Bacalhaugerichte. Die Uferpromenade direkt vor dem Lokal wird am Wochenende zur längsten Theke Rios. Hauptgerichte ab Fr. 22.–. Mo–Fr 6.30–23, Sa 8–23, So 8–20 Uhr. Tel. 21 2295 8744

Seite besuchen »

5 | Porcão

Av. Infante Dom Henrique, Flamengo

Liegt im Parque de Flamengo mit Blick auf die Bucht und den Zuckerhut. Rodízio – also All you can eat – von Rindfleisch (auch Poulet und Hammel), mit einem gigantischen Beilagen-Buffet und einer guten Weinkarte. Rodízio Fr. 45.–. 12 Uhr bis nach Mitternacht. Tel. 21 3461 9020

Seite besuchen »

6 | Confeitaria Colombo

Rua Gonçalves Dias, 32, Centro

Das Altstadt-Kaffeehaus ist eine Sehenswürdigkeit. Eigene Konditorei, die Patisserien kosten ca. Fr. 5.–. Mittagsgerichte vom Buffet Fr. 30.–. Wochentags 9–17 Uhr, Sa und Feiertage 10–17 Uhr. Tel. 21 2505 1500

Seite besuchen »

EINKAUFEN 7 | Cobal Humaitá

Rua Voluntários da Pátria, 446

Jedes Viertel in Rio de Janeiro hat seinen Wochenmarkt, jeweils an einem anderen Tag. Ein ständiger Frucht- und Gemüsemarkt befindet sich im Viertel Humaitá mit zahlreichen Restaurants und Cafés. Täglich ausser Mo 8–18 Uhr, So bis 12 Uhr.

8 | Grossmarkt Cadeg

Rua Capitao Félix, 110

Im Vorstadtviertel Benfica kaufen Köche, Restaurateure und Neugierige ihre Waren noch günstiger ein. Täglich ausser So 4–14 Uhr.

9 | Fischmarkt Mercado São Pedro

Rua Visconde de Rio Branco, 55

Täglich ausser Mo 6–16 Uhr, So bis 12 Uhr.