Essen in Muscat

veröffentlicht am 01.01.2009

 

In Omans Hauptstadt Muscat vermischen sich drei Esskulturen, die man selten gemeinsam antrifft: Afrika, Indien und Arabien.

Das Sultanat Oman ist für Arabien-Reisende, was die Muskatnuss beim Essen ist: Nicht jeder erkennt auf Anhieb die feine Note dieses Gewürzes, doch wer es einmal aus dem Püree herausgeschmeckt hat, wird nie mehr darauf verzichten wollen. Arabien, seine Kultur, seine Geschichte, seine Sitten und Gerichte würden auch ohne Oman bestehen – doch um welchen Preis? Es ginge die zarteste, unaufdringlichste Nuance verloren, die diese Weltgegend zu bieten hat.

Wer morgens an der Bucht Barr al-Jissah im Osten aufbricht, um Omans Hauptstadt Muscat zu erkunden, sieht es mit dem ersten Blick aufs Meer hinaus: Es gibt eigentlich nur zwei Farben hier, Blau und Beige, doch in einer Fülle von Schattierungen. Grellgelb bis mattorange strahlt der Sandstein, der die Küstenberge formt, vornehm dunkel bis silberblau der Indische Ozean, je nach Sonnenstand. Eine Strasse führt aus der Bucht heraus, die steil zwischen den Wadis, den Flussbetten, auf- und abwärts führt. Beat Enderli, den Schweizer Executive Chief des Shangri-La Barr al-Jissah Resort, erinnern sie mitunter an die Passstrassen seiner Heimat. Er hat den Grossteil seiner Karriere in den pulsierenden Metropolen Malaysias und Thailands verbracht, bevor er in das beschauliche Oman kam. Dort erging es ihm wie seinen Gästen: «Wenn sie ankommen, rennen sie noch wie aufgezogen durch die Gegend. Ein paar Stunden später haben sie das Tempo dieser Stadt angenommen – sie gleiten.»

Noch in den Siebzigern schloss Muscat nachts die Festungstore. Touristen gab es so gut wie keine. Seither sind die Stadt und ihre Vororte enorm gewachsen. Ihre 880 000 Einwohner machen ein Drittel der omanischen Bevölkerung aus. Doch anders als Dubai und Doha wuchs Muscat nicht wie eine Hormontomate, sondern ist mehr gereift als explodiert. Es gibt kaum Hochhäuser, dafür Parks und Gärten, einen endlos breiten Strand und weite Räume zwischen den vielen Stadtzentren.

Lokale Spezialitäten sind Exportschlager

Wer Oman besucht, bringt in der Regel einen ausgeprägten Sinn für Musse und Genuss mit – und Beat Enderlis Gäste im «Shangri-La» auch die dafür nötige Finanzkraft. «Solchen Menschen setzen Sie keine einfachen Gerichte vor», sagt Enderli, «sondern Bisonsteaks aus den USA oder Straussenfleisch aus Südafrika.» Zu dieser Art von Vielfalt passt das Konzept des besten der 19 Restaurants im «Shangri-La»: Es heisst «Sultanah», hat die Form eines Schiffs und geht, was sein Menü betrifft, jeden Tag in einem anderen Land vor Anker: gestern Südamerika, heute Thailand, morgen Italien.

Lieferengpässe gibt es ironischerweise höchstens bei lokalen Spezialitäten wie omanischem Lobster oder Krevetten, die weltweit so gefragt sind, dass sie in Muscat oft nur über beste Beziehungen zu haben sind. Die Krevetten seien von einer Reinheit, dass man durch sie hindurchschauen könne, der Fleischanteil des Lobsters ungewöhnlich hoch. «Aber er reist nicht gerne, er verdirbt schnell», sagt Enderli – zum Vorteil der Oman-Touristen. Es soll schon vorgekommen sein, dass Köche einen Lobsterlaster auf dem Weg ins 500 Kilometer entfernte Dubai zur Umkehr bewegten.

Jede Gruppe erhält ihr eigenes Esszimmer

Auch die Omaner selbst schätzen die Raffinesse der internationalen Kochelite – so sehr, dass man nach traditionellen einheimischen Restaurants ein wenig suchen muss. Etwa das «Bin Ateeq» an der Sultan-Qaboos-Strasse, hinter einer Shell-Tankstelle. Leicht ist die Tankstelle zu finden, schwer das Restaurant; es sieht aus wie die Bürohäuser der Gegend, farbige Schilder hat «Bin Ateeq» nicht nötig. Die Muscater wissen auch so, wo sie ihre Leibgerichte finden. Eine kleine Lobby begrüsst den Kunden, auf weichen Sofas sitzen Männer und warten ohne Eile auf ein Zeichen des Maître. Er nennt eine Zimmernummer, wenn es so weit ist. In Oman ist das Essen auswärts eine Männer- oder Familienangelegenheit, und die Gruppen sind gern unter sich. 18 Zimmer hat das «Bin Ateeq», und sie sehen alle gleich aus: kein Tisch, kein Stuhl, nur ein Teppich, ein paar Kissen – und ein Flachbildschirm, auf dem das etwas trockene Staatsfernsehen läuft oder ein libanesischer Musiksender.

Man zieht die Schuhe aus, schiebt sich ein Kissen ins Kreuz und findet auf dem Boden eine Speisekarte, die 68 Gerichte auflistet. Sie heissen Qabuli, Kharass oder Marakh Samak – Suppen und Eintöpfe, Curries und Biryanis aus Zutaten wie Haifisch, Poulet, Ingwer, Knoblauch, Tomaten und Kokosnuss. «Nehmen Sie einfach drei oder vier davon», sagt der indische Kellner mit höflich zurückgehaltener Ungeduld. «Es schmeckt alles sehr gut.» Er hat Recht. Es ist etwas merkwürdig Gepflegtes und Feines um die Suppen und Saucen hinter der Tankstelle. Der Erfolg des Restaurants spricht für sich. Vor 30 Jahren eröffnete im tiefen Süden des Landes das erste «Bin Ateeq», inzwischen gibt es sieben davon in Oman, Zweigstellen in Dubai und Abu Dhabi sollen folgen.

Bezahlt wird beim Ausgang, wo eine Schale mit Kardamomkapseln steht, zur Erfrischung des Atems. Kardamom, dieses Gewürz, das in Indien, Tansania und Madagaskar angebaut wird, lässt ahnen, woher die Vielfalt der omanischen Küche kommt: Die Vorfahren des Sultans regierten ein Riesenreich zwischen den Küsten Afrikas, Arabiens und Indiens. Politisch ist davon nur das heutige Oman geblieben, kulinarisch besteht das Reich weiter. Festzustellen auch im «Zanzibari Island Coffee Shop». An den Wänden hängen die Fahnen diverser afrikanischer Staaten, Bilder aus der Geschichte von Oman und Muster von Perserteppichen. Ebenso bunt gemischt sind das Publikum und das Angebot. Eine Speisekarte gibt es nicht, man sucht sich aus, was in den Töpfen brodelt und schmort: Zitronenhuhn mit Reis, Spinatgerichte mit Gewürznelken und das typische Ndisi – ein Bananeneintopf, den es mit Fisch oder Rindfleisch gibt. Ndisi ist ein Wort aus dem tansanischen Kisuaheli und heisst Banane. Die Qualität ist überzeugend. Zur Mittagszeit decken sich hier selbst Hausfrauen aus der Nachbarschaft ein.

Wers international gehobener möchte, sollte das «Chedi» ansteuern.Am Tag nach einem Tropensturm, der im Juni 2006 die Küste verwüstete, traf James Viles in diesem vom Zen-Buddhismus geprägten, vor allem bei betuchten Europäern gefragten Hotel ein. Er war damals 26 und hatte eines der exklusivsten Restaurants in Dubai geleitet. Wer durch den zentralen Koch- und Essbereich des «Chedi» schlendert, versteht auf Anhieb, warum der Australier hier ist: Das zur Anlage gehörende «The Restaurant» hat eines der ungewöhnlichsten Konzepte in der Gastronomie im Nahen Osten. Die Köche arbeiten in drei gläsernen Würfeln (international, asiatisch und Patisserie) zwischen den Tischen und verständigen sich über Mikrofone, wie sie Popstars auf der Bühne tragen. Das Ziel: Synchronität. Wenn ein Gast indisch essen möchte, seiner Frau der Sinn nach Sushi steht, soll beides gleichzeitig und gleich frisch serviert werden. Das Motto lautet: «Tandoori auf Tisch 24, Sushi auf Stand-by.»

So technisch und betriebsam es im «Restaurant» zugeht, so omanisch still und meditativ verklingen die Abende zwischen den kubischen Bungalows, Terrassen und Pools des «Chedi». Im Arabian Courtyard zupft ein Oudspieler seine Laute, über dem «Serai Poolside Cabana» liegt ein sanfter Teppich von afrikanisch angehauchter Lounge-Musik, und unten am Beach-Restaurant rauscht dezent der Indische Ozean.

Copyright-Hinweise

Text: Bernhard Zand, Fotos: Tina Hager

Social Bookmarks

|

Rezepte aus Muscat

Reise-Highlights

Sultanah

Barr al-Jissah Resort, Masqat

10 km südöstlich von Muscat. Tel. 2477 6666. Das beste von 19 Restaurants der weitläufigen Anlage mit drei Hotels. Selbst Hotelgästen wird empfohlen zu reservieren. Grandioser Ausblick auf die eigene Bucht. In einem 16-Tage-Zyklus geht es kulinarisch um die Welt.

Seite besuchen »

Zanzibari Island Coffee Shop

Al-Ghubra, Masqat

Tel. 2449 7783. Ein Restaurant, das es so nur in Oman gibt: Indische Chefs kochen Gerichte aus Sansibar vor einer Kulisse afrikanischer Flaggen und historischer Fotografien. Der Taxifahrer kennt den Weg.

Bin Ateeq

Al-Khuwair, Masqat

Tel. 2447 8225. Der Tipp von gebürtigen Omanern: Kingfish-Suppe und Ananas-Curry im privaten Séparée. Keines der Gerichte auf der Speisekarte wird einem auch nur annähernd vertraut erscheinen – doch keines wird enttäuschen.

Seite besuchen »

The Restaurant

Al-Ghubra, Masqat

Im Chedi Muscat, Tel. 2452 4343. Hier treffen Ost-Arabien und Zen-Buddhismus aufeinander. Internationale Spitzengastronomie in elegant-kubistischem Ambiente. Am Eingang duftet die Patisserie, in vornehmen Lounges im Hintergrund tafeln auch die Minister des Sultans gern.

Seite besuchen »

Karjeen Caffe

Madinat-Sultan-Komplex, Masqat

Tel. 2469 2269. In Muscat sind sogar Shopping Malls wohltuend gestaltet: Das «Karjeen» erstreckt sich über zahlreiche Gärten, Zelte und Pavillons. Klassische Nahost-Küche, Wasserpfeife, ausgezeichnete Fruchtsäfte. Hausspezialität: Ash Soup.

Markt von Mutrah

Mutrah, Masqat

Der Markt von Mutrah an der Hafenpromenade gehört zu den schönsten und gepflegtesten Souks Arabiens.