Essen in Liverpool

veröffentlicht am 01.07.2008

 

Seit Liverpool 2008 Kulturhauptstadt war, haben sich die Herren der Kochtöpfe vom Fish-&-Chips-Image befreit und richten mit grosser Kelle frische kulinarische Knüller an.

Liverpool, ich hab dich verlassen, aber nie im Stich gelassen», singt Ex-Beatle Ringo Starr im Song «Liverpool 8», den er seiner Geburtsstadt gewidmet hat. 2008 kehrte er im Januar zurück und gab als erster Ex-Beatle zum Auftakt der Kulturhaupt-Feierlichkeiten ein Konzert.Im Juni desselben Jahres doppelte Paul McCartney nach und sorgte im Fussballstadion Anfield für einen weiteren Höhepunkt im Jubeljahr. Im Juni doppelte Paul McCartney nach und sorgte im Fussballstadion Anfield für den vorläufigen Höhepunkt des Jubeljahres. Die beiden Stars verhalfen Liverpool in den 60er-Jahren zu Weltruf. Seither hat sich die Stadt verändert. Kulinarisch gesehen zum Guten.

John Lennon notierte einst, dass der Mangel an Kartoffeln in Irland die Stadt und das Wesen der Bewohner geprägt hat: «Nach Liverpool kamen die Iren, als ihnen die Kartoffeln ausgingen. Dort wurden Schwarze zurückgelassen, sie mussten wie Sklaven arbeiten. Wir waren eine tolle Mischung. Eine sehr arme Stadt. Aber die Bewohner haben Sinn für Humor, weil sie so viele Probleme haben, reissen sie immer Witze. Und wir sprechen durch die Nase. Vermutlich liegt das an den Polypen. Wir waren diejenigen, auf die die Londoner wie auf Tiere herabsahen.»

Der Speisezettel der Liverpooler hat sich seither erweitert, doch Kartoffeln dürfen im Nationalgericht, dem Scouse, noch immer nicht fehlen. Scouse ist wahrscheinlich ein Abkömmling des norddeutschen Labskaus, eines Seefahrergerichts aus Corned Beef, Matjes, Zwiebeln, Randen – und Kartoffeln. In Liverpool assen es die Arbeiter, um zu Kräften zu kommen. Der Name Scouser steht wie eh und je auch stellvertretend für die Bewohner von Liverpool und für den Dialekt, der in der ehemaligen Handelsstadt gesprochen wird.

Der nie ermattende Glanz des Ruhm der Beatles

Dass sich der «Geburtsort» der Beatles nach der Auflösung der Band im Jahre 1970 noch immer in deren Erfolg sonnt, ist unübersehbar. Es existiert ein Beatles-Museum und seit dem 1. Februar 2008 ein Beatles-Hotel. Angeboten werden Beatles-Stadtführungen zu historischen Fab-Four-Plätzen (Anm. der Red.: Fab Four = Beatles). Es gibt jede Menge Beatles-Drinks, -Klamotten und -Coverbands.

Der Kult um die Pilzköpfe scheint fast vergessen zu machen, dass der Arbeiterstadt in der Vergangenheit nicht nur die berühmte Band abhanden kam, sondern auch die Industrie und die Menschen. Die Einwohnerzahl hatte sich von einer Million auf 500 000 halbiert. In den 90er-Jahren zählte Liverpool zu den ärmsten Metropolen Westeuropas.

Heute wächst die Stadt wieder. Vor allem in den Himmel. Baukräne prägen die Skyline – Zeichen für den Aufschwung, den eine EU-Finanzspritze von drei Milliarden Euro ausgelöst hat. Umtriebige «Liverpudlians» kurbeln das Geschäft mit an. Das aufpolierte Albert Dock lockt mit Museen (Beatles, Tate, Merseyside Maritime) und macht dem Wahrzeichen Liverpools, dem Liver Building, Konkurrenz. Künstler werden eingeflogen, um in der Stadt ihre Spuren zu hinterlassen (sehenswert: «Turning The Place Over» von Richard Wilson und «Another Place» von Antony Gormley).

Auch die Herren über die Kochtöpfe haben die Zeichen der Zeit erkannt. Sie wissen: Wenn sie dem Scouse- und Fish-&-Chips-Image entkommen wollen, müssen sie einen Zacken zulegen. Und sie tun es. Unser kulinarischer Streifzug beginnt in John Lennons ehemaligem Stammlokal, dem Philharmonic Pub nahe der Philharmonic Hall. Mitten im Raum thront eine kreisförmige Bar. Hier bestellen wir ein Pint und treffen auf dem roten Fauteuil Jana Landolt. Die ehemalige Schlagzeugerin der Zürcher Band Rosebud lebt mit ihrem Mann hier, der in der Malaria-Forschung tätig ist. Beim Bier bestätigt sie ein Klischee: Liverpooler tränken gerne eins über den Durst und verbrächten viel Zeit in Pubs. Gegessen werde unter der Woche daheim. «Am Sonntag geniessen die Einheimischen wie in ganz England gerne auswärts Roastbeef. Oder picknicken im Auto am Strand. Fish & Chips zum Beispiel. Scouse gehört längst nicht mehr zu den Leibgerichten der Liverpooler.» Wir ziehen weiter zu Paul Askew, dem Kochstar am kulinarischen Firmament der Stadt. Er bestätigt: «Scouse gehört der Vergangenheit an. Die Leute haben Appetit auf ein anderes Liverpool.» «Organic food», bio, liege im Trend, seit die Rinderseuche BSE die Viehzucht in eine Krise gestürzt habe.

Askew setzt im «London Carriage Works» auf die regionale Karte. Er tischt Wolfsbarsch aus der Liverpool Bay auf, Bowland Beef aus der benachbarten Grafschaft Lancashire, Gemüse von der Claremont Farm in Wirral, eine Halbinsel gegenüber am Merseyufer. Seine Kreationen gehören zum Besten, was man in England essen kann. Cherie Blair, die Frau des Ex-Premiers und Liverpoolerin, und die Queen liessen sich schon von Askew bekochen.

Ein paar Strassen weiter verwöhnen Doug Eglin und Glen Dumbell im «Puschka» ihre Gäste. Eglin begrüsst sie mit «Hello my love», typisch Liverpool-like, und Dumbell kombiniert am Herd englische Tradition mit mediterraner Leichtigkeit. Typisch französisch seine gebackenen Feigen, begleitet von Schafkäse und Rohschinken. Rustikal britisch der Himbeer-Brioche-Pudding.

Moussaka mit Linsen statt Fleisch

Kein kulinarischer Rundgang ohne Stopp im «Baltic Fleet». Es trotzt gegenüber von Albert Dock der neuen architektonischen Welle. Die Form des viktorianischen Gebäudes mahnt an ein Schiff. Früher sollen hier vor allem starke Matrosen und leichte Mädchen zueinander gefunden haben. Heute ist «The Baltic Fleet» ein Pub für alle. Geschäftsherren, Künstler und Familien prosten sich hier mit im Keller gebrautem Bier zu. Patron Ian Fielding, ehemals Broker und Armeeoffizier auf See, tischt sonntags im Lokal das traditionelle Sunday-Roastbeef auf.

Freitags und samstags ist in vielen Restaurants eine Reservation nötig. Besonders rund um den Cavern-Klub, in dem die Beatles am 9. Februar 1961 ihr erstes Konzert gaben, ist der Teufel los. Wer einen Platz im «Delifonseca» erobert, wird doppelt belohnt: Chefkoch Martin Cooper tischt hier die beste vegetarische Moussaka auf (mit Linsen statt Fleisch). Und im Untergeschoss befindet sich ein Luxus-Deli, mit Topprodukten «from the Northwest». Wir empfehlen: Lizzies Homemade Cumbrian Mostarda, den lieblichen Rose-Tea aus dem Haus Brewhaha und die Fyi Organic Therapeutic Milk Chocolate mit Chili, Orange und Muskat.

Liverpool, die Stadt, in der alles vom Meer kommt, lebt auf, und kulinarisch gesehen ist Land in Sicht. Die Beatles würden jubeln: «Yeah, yeah, yeah.»

Copyright-Hinweise

Text: Judith Wyder, Fotos: Flurina Rothenberger

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Rezepte aus Liverpool

Reise-Highlights

The Baltic Fleet Pub

33, Wapping, Liverpool

Ein Pub nach bester britischer Tradition. Roastbeef am Sonntag von Patron Ian Fielding, selbst gebrautes Bier und Seemannsfeeling inklusive. Essen: Fr. 4.– bis Fr. 20.–. Tel. 0044 151 709 3116

The Philharmonic Pub

36, Hope Street, Liverpool

Museumsstück von Pub (1898) in der Mitte zwischen katholischer und anglikanischer Kirche. Ex-Stammgast John Lennon bedauerte, dass er wegen seiner Popularität das Bier nicht mehr hier trinken konnte. Pint Bier: Fr. 4.– bis Fr. 6.–. Tel. 0044 151 709 1163

The Monro

92, Duke Street, Liverpool

Gut, frisch, preiswert, gemütlich. Über Mittag gibts für wenig Geld schmackhafte lokale Gerichte wie Loch-Fyne-Miesmuscheln an Weissweinsauce, Fish & Chips mit hausgemachtem Tatar. Tel. 0044 151 707 9933

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Delifonseca

12, Stanley Street, Liverpool

Feinschmeckerladen und -lokal mit einer schönen Auswahl an internationalen Topprodukten, feinen Take-away-Speisen und raffinierten Kreationen im Restaurant. Unbedingt probieren: Linsen-Moussaka und Kräutersalat von Chefkoch Martin Cooper. Essen: Fr. 5.50 bis Fr. 25.–. Tel. 0044 151 255 0808

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The London Carriage Works

40, Hope Street, Liverpool

Paul Askew, einer der besten Köche Englands, trumpft auf mit regionalen Spezialitäten wie Meeräsche, Seeteufel und Bowland-Rindfleisch. Vorspeisen ab Fr. 9.–, Hauptgänge ab Fr. 30.–, Desserts ab Fr. 10.–. Tel. 0044 151 705 2222

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Puschka

16, Rodney Street, Liverpool

Die Gastgeber beherrschen ihr Fach. Wer im stilvollen Lokal einkehrt, geht dank begeisternder Küche und nonchalanter Bedienung glücklich nach Hause. Vorspeisen ab Fr. 9.–, Hauptgänge ab Fr. 25.–, Desserts ab Fr. 10.–. Tel. 0044 151 708 8698

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Sapporo Teppanyaki

134, Duke Street, Liverpool

Wenn beim einzigen Japaner der Koch im Flammenmeer der Showküche verschwindet, bleibt den Gästen schon mal das Sushi im Hals stecken. Unser Urteil: Show gut, Essen mittelmässig. Sushi ab Fr. 2.70, Teppanyaki ab Fr. 30.–. Tel. 0044 151 705 3005

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Maharaja

34–36, London Road, Liverpool

Wir hätten gerne ein chinesisches Lokal empfohlen. Die chinesische Gemeinde Liverpools ist die älteste Europas. Uns überzeugte dieser Inder. Essen: Fr. 5.– bis Fr. 29.–. Tel. 0044 151 709 2006

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The Lobster Pot

19, Ranelagh Street, Liverpool

Zählt bei Bauarbeitern, Fussballfans und Nachtvögeln zu den beliebtesten Fisch-&-Fritten-Buden. Grosszügige Portionen für Nichtkalorienzählerinnen und Magenstarke. Fish Fr. 5.40, Chips Fr. 2.60. Tel. 0044 151 709 0157

Hope Street Hotel

40, Hope Street, Liverpool

Angesagtes Designhotel. Im Gebäude aus dem Jahr 1860 war früher eine Fuhrhalterei untergebracht. Für kulinarische Höhenflüge sorgt Chefkoch Paul Askew im Hotel-Restaurant London Carriage Works. DZ ab Fr. 300.–. Tel. 0044 151 709 3000

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Hard Days Night Hotel

Central Building, 39–41, North John Street, Liverpool

Pilgerort für Beatles-Fans, offen seit 1. Februar. Die Pilzköpfe grüssen von jeder Wand. Im 110-Zimmer-Hotel geht die Beatlemania in eine neue Runde. DZ ab Fr. 375.–. Tel. 0044 151 236 1964

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