Essen in Leipzig

veröffentlicht am 01.02.2008

 

An einer der heissen Adressen im Industriequartier speisen oder einen draufmachen in der Altstadt? In der ostdeutschen Stadt ist beides möglich.

Wie der Bug eines Schiffes ragt das «Stelzenhaus» mit seinem kühnen Glasanbau über den Karl-Heine-Kanal im Leipziger Industrieviertel Plagwitz, im Westen der Stadt. Goldfarbene Fabrikbauten säumen das Ufer. Im Innern des säulengestützten Restaurants schwimmen hellblau leuchtendeFische in einem riesigen raumteilenden Aquarium. Links des Fisch-Guckkastens sitztman an weiss gedeckten Tischen und isst edel à la carte ein Stielkotelett vom Saalower Kräuterschwein, begleitet von Topinamburragout und Kastaniengugelhopf mit Steinpilzen. Zum Dessert gönnt man sich eine Birnentarte mit Safranmousse oder das hausgemachte Schoko-Eis mit Honig-Nuss-Kruste. Rechts der Fische stehen Bauarbeiter, GrafikerInnen und Teilzeitväter Schlange am Buffet. Für sieben Euro darf man sich den Teller füllen mit Spezialitäten wie blauem Kartoffelsalat, süssen Karotten, sächsischem Sauerbraten, Rouladen und Kraut.

Die Rückeroberung der Industrieräume

Das «Stelzenhaus» mit seinen Ateliers und dem Restaurant ist eines von vielen Projekten, die sich in Leipzigs Westen in den stillgelegten Gasometern, Stollen und Kesselhäusern entwickelt haben. 1909 während der industriellen Blütezeit in Sachsen drehten sich in den Plagwitzer Baumwollspinnereien 240 000 Spindeln.Hochöfen glühten Tag und Nacht. Rauch stieg aus Hunderten von Fabrikschloten. Stampfend rollten Güterzüge in den nahe gelegenen Bahnhof, den ersten Industriebahnhof Europas. In der Altstadt entstanden Messehäuser. In deren Passagen wurden Warenmuster einer immer vermögenderen Kundschaft feilgeboten. In der zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts verstummte der Fabriklärm. Nach und nach wurden fast alle Betriebe stillgelegt. Nur die Messehäuser in der Innenstadt hielten sich weiter. Allerdings wegen des eintönigen Sortiments mehr schlecht als recht. Nach dem Weggang der Fabrikarbeiter lagen die grossen Hallen lange brach. Rund 200 000 Einwohner hat Leipzig seit der Wende 1989 an den Westen Deutschlands «verloren». Heute lebt noch eine halbe Million in der zweitgrössten Stadt der ehemaligen DDR. Die Tendenz ist immer noch sinkend. Doch gerade in Plagwitz scheint sich die Regel umzukehren: Kunst belebt die leeren Fabrikhallen. Neues hat sich zu Altem gesellt. Neben der rostvernarbten Eisentür der «Mule» hängt die Karikatur einer lokalen Künstlerin. Auf den rau gescheuerten Holzböden des ehemaligen Kontors in einem Spinnereiareal eilen Kellnerinnen mit Tabletts voll Kohlrouladen und Kräutertees hin und her. Imhinteren Teil des weitläufigen Geländes mit fünfzig Ateliers, Büros und Läden hat der englische Aktionskünstler Jim Whiting eine gigantische Gegen-Welt inszeniert (Näheres unter www.bimbotown.de). Abends trifft man sich in der «Mule» zum Konzert. Auf den Kanälen verkehren im Sommer Gondeln, wie damals, im Mittelalter, als Plagwitz ein beliebtes Ausflugsziel für Leipziger Bürger war, die hier ihre Villen und Landhäuser errichten liessen. «Plagwitz ist das Quartier mit der höchsten Geburten-, der höchsten Zuwandererund der niedrigsten Abwanderungsrate», sagt Olivia Klemm, selbst zugezogen aus Stuttgart und Inhaberin des «Kesselhauses».

Suppe aus dem «Kesselhaus»

Mit viel Geschmack und Gespür hat die sympathische Gastgeberin aus der ehemaligen Zelluloidfabrik einen «Ort der schönen Dinge» gestaltet. Goldgerahmte Gemälde schmiegen sich an die honiggelb gestrichenen Wände. Auf der Bar prunken barocke Kerzenständer. An Biedermeiertischen geniesst man den exzellenten Schokoladenkuchen oder die hausgemachte Suppe, während sich das Licht des verspielten Kronleuchters in der glänzenden Eisentür spiegelt.

Tradition als Event

Von einem Stadtteil zum andern gelangt man am besten mit der Strassenbahn. In den engen, kopfsteingepflasterten Gässchen der Innenstadt ist man allerdings am schnellsten auf Schusters Rappen. Am Drallewatsch, wie das Viertel zwischen Richard-Wagner-Platz, Grosser und Kleiner Fleischergasse und Burgplatz von den Leipzigern genannt wird, befinden sich die bekannten Kneipen, Restaurants und Kaffeehäuser der Stadt. Das Wort bedeutet so viel wie einen draufmachen. Das wird hier fast im Übermass praktiziert. Und mancherorts wird dem schönen Schein das gemütliche Sein geopfert. Die oft lieblose Zubereitung – besser gesagt Wiederaufbereitung – von traditionellen Speisen der Stadt wird höchstens von der durchwegs freundlichen Bedienung wettgemacht. Um es geradeheraus zu sagen: Die Leipziger Lerche kauft man ambesten in der Konditorei, zum Beispiel bei Hussel an der Peterstrasse. Das zarte Mürbeteiggebäck mit der Marzipanfüllung geht auf ein Verdikt Ende des 19. Jahrhunderts zurück. Damals waren gebratene Lerchen in Leipzig äusserst beliebt. Durch Jagd und Unwetter wurde die Vogelpopulation nahezu vernichtet. Nach Bürgerprotesten verbot man die Jagd und stieg auf die gebackenen süssen «Lerchen» um. Wohl das bekannteste Gericht der Stadt, das Leipziger Allerlei, sollte man nur Ende Mai und im Juni bestellen.Die Spezialität aus Frühlingsgemüse wie Spargeln, Erbsen und Kohlrabi sowie Morcheln und Flusskrebsen kann nur zur Erntezeit frisch angeboten werden.

Aber auch in der Innenstadt gibt es lobenswerte Ausnahmen: Im berühmten «Auerbachkeller» speist man nach wie vor traditionell, bürgerlich und gut. Gleich in der Nähe des Kellers steht die Nikolaikirche, Symbol des Widerstands. In den 80er-Jahren waren die Kirche und ihr Pfarrer Christian Führer Anlaufstelle für eine immer grösser werdende Menge von regimekritischen Menschen. Hier auf dem Nikolaikirchhof fanden ab September 1989 die so genannten Montagsdemonstrationen statt, die schliesslich im November zum Fall der Mauer und zum Sturz der DDR-Regierung unter Erich Honecker führten. Vor und nach den Versammlungen mag man sich in den umliegenden Kneipen, etwa in der Alten Nikolaischule», zum Bier getroffen haben. Zur Leipzige Gose, wie das obergärige Bier der Stadt heisst. Durch die höhere Gärtemperatur steigt die Hefe nach oben. Es bildet sich mehr Säure (Ester). Das Bier schmeckt fruchtig und sauer. Die Gose wird deshalb auch oft in Kombination mit Sirup und Kirschlikör getrunken.

Muckefuck und Latte Machhiato

An nichts lässt sich Leipzigs Entwicklung von der einstigen Messestadt zur boomenden City besser nachvollziehen als am Beispiel der Kaffeekultur. Beim Altstadtbummel stösst man auf goldgeprägte Art-déco-Inschriften, auf Jugendstil-Elefanten über vitrinenartigen Fenstern, auf bleiglasgedeckte, museale Innenhöfe und Passagen. Innerhalb dieser historischen Fassaden türmen sich auf silbernen Tabletts riesige Kuchenstücke. Das weiss gerüschte Servierpersonal mit Schürzchen und Häubchen, das die süsse Pracht auf dünne Porzellanteller schiebt, scheint aus einer früheren Epoche zu stammen. Natürlich kann man zur Süssigkeit heute ein «Schälchen Heessen» bestellen, aber genauso gut auch einen Latte macchiato. Wer sich so gedankenlos seinen Kaffee bringen lässt, ahnt nicht, wie viele Widrigkeiten die Sachsen überwinden mussten, bis sie endlich zu ihrem Kaffee kamen. Das Gebräu stammt ekanntlich aus Südamerika.

Da Deutschland dort keine Kolonien besass, mussten die begehrten braunen Bohnen den Franzosen teuer abgekauft werden. Deshalb war in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in vielen Teilen Deutschlands einfachen Bürgern das Kaffeetrinken, ja sogar das Rösten der Bohnen verboten. Gegen Sünder setzte beispielsweise Friedrich der Grosse «Kaffeeriecher» ein, die illegale Röstereien aufspüren sollten. Doch der Ersatzkaffee, der Muckefuck (Mocca faux) aus Zichorien und Getreide, schmeckte den genussfreudigen Einwohnern schlecht, und ziviler Ungehorsam sowie der Hang zur oppositionellen Haltung sind offenbar original Leipziger Wesenszüge. Jedenfalls entstand in der Stadt Kaffeehaus um Kaffeehaus, und das Trinken des bitteren Gebräus verbreitete sich bald in ganz Sachsen. Dazu beigetragen haben sicherlich die berühmte Porzellanmanufaktur von Meissen, rund 100 Kilometer entfernt Richtung Dresden gelegen, aus deren dünnen Schälchen der «Heesse» noch besser mundete – und die Vorliebe der Sachsen für alles Süsse.

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Text: Kathrin Fritz, Fotos: Martina Meier

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Rezepte aus Leipzig

Reise-Highlights

Stelzenhaus

Weissenfelser Str. 65, Leipzig

Tel. 0341 492 44 45, Mo–Sa 10–open end, So 9–open end. Grosses Mittagsbuffet für 7 Euro. Einheimische Küche mit mediterranem Touch.

Enk

Katharinenstr. 10, Leipzig

Im Museum der bildenden Künste, Tel. 0341 215 37 75, Do–Di 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr. Hausgemachte Suppen und Häppchen für den kleinen Hunger.

Kesselhaus

Holbeinstr. 29, Leipzig

Tel. 0341 241 97 90, Mo–Fr 12–24 Uhr, Sa/So 18–24 Uhr. Frisch zubereitete Speisen aus meist biologischem Anbau. Besonders zu empfehlen: der Schokoladenkuchen.

Zum arabischen Coffe Baum

Kleine Fleischergasse 4, Leipzig

Tel. 0341 961 00 60, Mo–So 11–24 Uhr. Eines der ältesten Kaffeehäuser Europas. Es besteht seit 1711.

Riquet

Schuhmachergässchen 1, Leipzig

Tel. 0341 961 00 00, Mo–Sa 9–24 Uhr, So 9–22 Uhr. Im Zentrum gelegen. Sehr gut schmeckt die hausgemachte Schokolade.

Grundmann

August-Bebel-Str. 2, Leipzig

Tel. 0341 222 89 62, Mo–Fr 9–1 Uhr, Sa 14–1 Uhr, So 10–22 Uhr. Art-déco-Einrichtung.

Mule

Spinnereistr. 7, Leipzig

Tel. 0341 351 37 75, Mo–Fr 9–22 Uhr, Sa 10–22 Uhr, So 10–18 Uhr. Gemütliche Kneipe im Baumwollspinnereiareal mit meist biologischen Kleinigkeiten.

Lucca-Bar

Ratsfreischulstr. 10, Leipzig

Tel. 0341 225 56 77, Mo–Fr ab 9 Uhr, Sa ab 10 Uhr. Im Zentrum ideal für ein Glas Wein.