Kreuzfahrt

veröffentlicht am 30.08.2012

 

Kreuzfahrten boomen. Zu den wichtigsten Ereignissen an Bord zählen kulinarische Höhepunkte. Nur eine perfekte Organisation ermöglicht den Passagieren grenzenlosen Genuss. Eine Reise ins Innere der MSC Magnifica.

Es darf ein bisschen Meer sein

Wurden die 6500 Liter Milch bei der richtigen Temperatur transportiert? Stimmt die angelieferte Menge an Tomaten? Sind die 120000 Eier unversehrt? Und wo sind die benötigten 1400 Kilogramm Fleisch? Nur knapp vier Stunden bleiben Ivan Alva, um alle Lebensmittel zu kontrollieren. Er ist Food und Beverage Manager auf der MSC Magnifica und dafür verantworlich, dass genügend einwandfreies Essen an Bord kommt, bevor das Kreuzfahrtschiff in Venedig den Hafen verlässt. Denn während des Törns, der über Bari nach Katakolon, Izmir, Istanbul und Dubrovnik wieder in die Lagunenstadt führt, bleibt keine Zeit nachzuladen. «Deshalb habe ich schon letzte Woche die Bestellungen aufgegeben», sagt Alva und prüft eine Melone auf ihren Reifegrad. Schliesslich sollen die 2500 Passagiere ausreichend mit besten Gerichten verwöhnt werden. In den folgenden acht Tagen auf dem Schiff werden ihnen insgesamt 12000 Mahlzeiten serviert.

Viele Schweizer an Bord
Trotz des «Costa Concordia»-Unglücks im Januar 2012 boomt der Kreuzfahrtmarkt. Waren solche Reisen früher ein Luxusvergnügen für Betuchte, können sich heute auf den Riesendampfern auch Normalverdiener, darunter vermehrt Junge und Familien, eine Kabine leisten. Im letzten Jahr checkten an die 100000 Schweizer auf Schiffen ein. Manche zu Schnäppchenpreisen für Mittelmeertrips von unter 600 Franken die Woche. Essen inklusive.

Und davon gibt es reichlich. Neben den Hauptmahlzeiten locken zum Nachmittagskaffee diverse Kuchen. Selbst wer um Mitternacht noch Hunger verspürt, kann sich an einem Buffet stärken. «Das Essen spielt für viele Passagiere eine wichtige Rolle in der Freizeitgestaltung», weiss Ivan Alva. Schliesslich verbringen sie mehr Zeit auf dem Schiff als an Land. Trotz diverser Unterhaltungsmöglichkeiten wie Tennis, Schwimmen, Casinobesuch oder einfach auf dem Sonnendeck liegen und die Landschaft vorbeiziehen lassen, seien die regelmässigen Mahlzeiten ein Fixpunkt im Tagesprogramm. «Darum ist es wichtig, dass wir Abwechslungsreiches sowie qualitativ Hochwertiges anbieten.» Um dies zu gewährleisten, ist der 41-jährige Peruaner fast rund um die Uhr im Einsatz, prüft, ob auf dem Buffet noch genügend Schinken liegt, oder weist Mitarbeiter an, leer gegessene Teller sofort abzuräumen.

Sechs Monate arbeitet Alva auf einem der MSC-Kreuzfahrtschiffe. Dann kehrt er für zwei Monate zu seiner Familie nach Südamerika zurück. Freie Tage gibt es für ihn an Bord selten. Manchmal bleibt aber Zeit für einen Landgang, zum Beispiel zum Basar in Izmir, wo den Hobbykoch die Gewürzvielfalt fasziniert.

Testkochen in Genua
Neben Alva sorgen erfahrene Köche wie Simone Pinato oder Dessertspezialist Bruno Zasa bereits an Land für ein vielfältiges kulinarisches Angebot an Bord. In der Versuchsküche in Genua entwickeln sie verschiedene Gerichte, die auf dem Schiff genau nach ihren Anweisungen zubereitet und angerichtet werden. Damit jedes der über 100 Küchenmitglieder auf der Magnifica weiss, wie diese auszusehen haben, hängen an den Wänden Fotos von allen Gerichten, die den Gästen im Laufe der Mittelmeerreise zur Wahl stehen. Sei es das von Pinato kreierte Lammrack mit Pistazienkruste, Bruno Zasas Panna cotta oder die an Bord produzierten Ravioli mit Spinatfüllung.

Beim Angebot auf den verschiedenen MSCSchiffen nimmt man auf nationale Eigenheiten Rücksicht: «Surf und Turf, also Meeresfrüchte mit Fleisch kombiniert, können wir servieren, wenn viele Amerikaner an der Reise teilnehmen. Italiener, die neben Deutschen, Franzosen und Spaniern einen grossen Teil der MagnificaPassagiere ausmachen, würden das nie essen», weiss Ivan Alva. Hingegen sei es problemlos, auf Kreuzfahrten in die Ostsee mediterrane Küche anzubieten.

So, wie das Unternehmen auf die Geschmäcke der Gäste eingeht, berücksichtigt es auch die kulinarischen Vorlieben des Personals. Fünf Köche kümmmern sich allein um das leibliche Wohl der über 1000 Crewmitglieder. Den Italienern kochen sie jeden Tag Pasta, für die Asiaten stehen Reismenüs auf dem Plan, und den Moslems (grösstenteils Indonesier, die im Service arbeiten) bereiten die Köche das Essen während des Ramadans nach Sonnenuntergang zu.

Akribische Vorbereitungen
Lebt die Crew im Bauch des Schiffs in ihrer eigenen Welt, mit Disco und Bar, vergnügen sich die Passagiere auf 13 Decks. Das Nachtessen findet in den beiden Speisesälen auf Deck 5 und 6 in jeweils zwei Schichten statt. Die Gäste können zwischen verschiedenen Vorspeisen und Hauptgängen sowie Desserts wählen, auch Vegetariern bietet sich eine üppige Auswahl. Wer eine etwas intimere Atmosphäre vorzieht, kann gegen einen Aufpreis im «Oriental Plaza» Dim Sums geniessen oder sich im Panoramarestaurant auf dem obersten Deck à la carte verwöhnen lassen. «Damit der Service reibungslos funktioniert, müssen wir in der Küche alles minutiös vorbereiten», sagt Alva. So reiht sich dort vor dem ersten grossen Ansturm Salatschale an Salatschale, haben die Köche die Mise en place gemacht und stehen nun parat, um die Bestellungen der Kellner entgegen zunehmen. Um Chaos zu vermeiden, dürfen nie mehr als acht von ihnen gleichzeitig die Küche betreten. Dabei passt der Sanitary Officer auf, dass sie sich jedesmal die Hände waschen. Zu seinen Aufgaben zählt zudem die Haltbarkeitskontrolle der Lebensmittel. Salate, die länger als vier Stunden nicht im Kühlschrank waren, müssen beispielsweise weggeworfen werden. Dramatisch wäre, wenn es wegen verdorbener Speisen zu Erkrankungen käme, die sich dann auf Hunderte von Gästen übertragen könnten.

Nach dem Törn ist vor dem Törn
«Beruhigend zu wissen, dass an Bord strenge Hygienevorschriften herrschen», findet André Waeber. Der Informatiker aus Radelfingen BE verbringt mit seiner Frau Daniela nachträgliche Flitterwochen auf der Magnifica – in einer Kabine mit Balkon. «Klar isst man hier mehr als zu Hause, zum Zmorge zum Beispiel auch mal Schinken oder Spiegelei», sagt André Waeber. «Und am Mittagsbuffet greift man eher mal zu einem der verführerischen Desserts», fügt seine Frau hinzu. Sich aber riesige Berge auf den Teller zu häufen, wie es manche Passagiere tun, käme ihnen nie in den Sinn. «Das ist respektlos, vor allem, wenn man nicht einmal alles aufisst.»

Neben dem Besuch der Altstadtmauer von Dubrovnik und dem Ausflug ins pulsierende Istanbul ist für das Paar der Galaabend mit Kapitänsempfang der Höhepunkt der Reise. Beide werfen sich dafür in Schale: Daniela wählt für diesen Anlass ein langes Abendkleid, André einen dunklen Anzug. Damit sich die Passagiere wie auf dem «Traumschiff» aus der gleichnamigen Fernsehserie fühlen, präsentieren die Kellner zum krönenden Abschluss des Menüs die obligatorische brennende Eistorte. «Auf die habe ich mich schon den ganzen Tag gefreut», sagt Daniela Waeber. Während sie und ihr Mann der süssen Leckerei frönen, kümmert sich der Food und Beverage Manager Ivan Alva bereits um die Bestellung für die nächste Woche. Wenn die ersten Passagiere von Bord gehen, müssen die Lebensmittelvorräte der Magnifica bereits wieder aufgestockt werden. Denn auch die neuen 2500 Gäste wollen ein bisschen Meer geniessen.

Copyright-Hinweise

Text: Anette Thielert | Fotos: Marco Aste | Rezeptadaption: Lina Projer

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