Genfer Weinboom

veröffentlicht am 27.09.2011

 

Genf ist eine feine Gegend. Das gilt zunehmend auch für die Weine der Region. Drei Porträts von Vertretern der neuen, ehrgeizigen Winzergeneration.

Genfer Weinboom

Genf ist eine feine Gegend. Das gilt zunehmend auch für die Weine der Region. Drei Porträts von Vertretern der neuen, ehrgeizigen Winzergeneration.

Lange hatten Genfer Weine einen schlechten Ruf. Sie stammten meist von der damaligen Winzerkooperative, die vor allem günstige Massenware produzierte. Selbstkelterer waren in der Minderheit. Mittlerweile produzieren viele gut ausgebildete Winzer im drittgrössten Schweizer Weinkanton eigene Tropfen und gewinnen regelmässig internationale Auszeichnungen mit sortenreinen Weinen oder stilvollen Cuvées. Nach wie vor dominieren Gamay und Chasselas, auch wenn ihr Anteil gesunken ist: Gamay macht 49 Prozent der roten Sorten aus, Chasselas 54 der weissen. Früher als andere Kantone hat Genf seinen Sortensatz ausgebaut und auf Spezialitäten gesetzt. Eine grosse Rolle spielen zudem Assemblages. Da dank eher flacher Topographie viele Rebarbeiten mechanisiert werden können, gehören die Genfer Weine heute nicht nur zu den interessantesten, sondern auch zu den preiswertesten der Schweiz. Wir stellen drei besonders spannende Weinbauern vor.

Die Inspirierte

Mangelndes Organisationstalent kann man Sophie Dugerdil nicht vorwerfen. Sogar die Geburt ihrer beiden Söhne legte die 41-Jährige jeweils geschickt auf den Spätherbst: «Bei der Gärung stand ich noch im Keller – meine Mutter befürchtete schon, ich würde zwischen den Tanks gebären –, und als ich aus dem Spital zurückkam, war der biologische Säureabbau so gut wie abgeschlossen», was bedeutet, dass die aggressive Apfelsäure nicht mehr im Wein enthalten war.
Zunächst arbeitete die Winzertochter als Sportlehrerin, später ging sie fürs Rote Kreuz nach Nepal und Sri Lanka. Dann besann sie sich auf ihre Wurzeln und absolvierte einen Stage auf der renommierten Domaine Les Hutins. Danach wusste sie: «Ich will Winzerin werden.» Sie besuchte die Wein-Ingenieurschule Changins und vinifizierte 2004 ihren ersten Jahrgang, den ersten überhaupt auf dem neun Hektaren grossen Gut ihrer Eltern in Dardagny. Die hatten bisher stets an die Genfer Winzerkooperative geliefert. Heute gehört Dugerdil zur Genfer Weinelite. Inspiriert vom biodynamischen Anbau, richtet sie sich bei der Pflege der Pflanzen nach den Mondphasen. Naturnah ist auch ihre Vinifikation. Für die Rotweine werden die Trauben bei tiefen Temperaturen eingemaischt (im Most «eingeweicht»), was ihre Aromatik erhöht. Die Weissen werden ohne biologischen Säureabbau gekeltert, damit sie Rasse und Lebhaftigkeit bewahren. Momentan produziert Sophie Dugerdil 17 verschiedene Weine. Immer nur in kleinen Mengen, dafür mit hoher Qualität. Der Aufwand lohnt sich. So ist Dugerdils Pinot blanc besonders filigran. Bei den Rotweinen machen die modernen, typisch genferischen Assemblages Typiquement vôtre oder Amicalement vôtre dem traditionellen Gamay Konkurrenz.

Der Professor

Wer es im Weinbau zu etwas bringen will, braucht fundiertes Wissen. Das hat erst recht Christian Guyot, 45 Jahre alt und Ingenieur-Agronom. Im Hauptberuf arbeitet er als Dozent für Sensorik und Weingeografie an der Fachhochschule Changins. Um nicht den Bezug zur Praxis zu verlieren, vinifizierte er zuerst für zwei Genfer Winzer. 2005 konnte er eine Rebparzelle pachten und seinen ersten eigenen Jahrgang abfüllen. Mittlerweile bearbeitet er eine Hektare, bestockt mit Merlot, Chardonnay, Gamay und Tempranillo. Eine Reverenz an seine Zeit in Portugal, wo er für 90 Hektaren verantwortlich war. Zudem pflegt er die Schweizer Neuzüchtungen Diolinoir, Garanoir und Galotta, vereint sie zum Trois Helvètes, zum einzigen Wein des Hauses, der nicht im Holz, sondern im Tank reift. Nächstes Jahr will Christian Guyot die aromatische, aber seltene Viognier aus den Côtes-du- Rhône pflanzen. Auch neue, resistente Sorten reizen ihn; sie sind kaum anfällig für Pilzkrankheiten und müssen deshalb weniger chemisch behandelt werden. Er lässt seinen Weinen Zeit – ausnahmslos komplexen Gastronomieweinen, die man nur zum Essen trinkt, so wie die meisten Genfer Tropfen –, bedient sich traditioneller Methoden: Er rührt die Hefe von Hand auf, wodurch die Weine mehr Struktur und Ausdruckskraft erhalten. Zudem füllt er alle Säfte unfiltriert und ungeschönt ab.

Der Kompromisslose

Rund um den Keller von Stéphane Gros, einst ein Kuhstall, liegen Bauschutt, Werkzeuge, Holzkisten, Hundenäpfe, Kartons. «Wir sind gerade am Bauen», sagt der Hausherr. Im Keller selbst herrscht pedantische Ordnung, kein Stäubchen stört die blitzenden Stahltanks, und die Barriques aus französischer und Schweizer Eiche stehen militärisch in Reih und Glied. Der 38-jährige Stéphane Gros sorgte in den letzten Jahren mit seinen Weinen für Furore. Sie sind so extrem und kompromisslos wie der ehemalige Banker selbst.

Heute pflegt Gros 6,2 Hektaren Reben. Alle Weine, auch die weissen, reifen mindestens zwei Jahre im Tank oder im Holz. Das Ziel: terroirgeprägte Tropfen von grosser Dichte, Tiefgründigkeit und Struktur. Elegante Gastronomieweine, die mit den Speisen harmonieren, sind dem begeisterten Hobbykoch ein Anliegen. Etwa der Salamandre, ein saftig-pikanter Sauvignon blanc mit exotischer Duftnote. Oder die «Visitenkarte jeder Genfer Kellerei», ein fruchtiger, runder Gamay. Alle Weine von Stéphane Gros sind auch in Bag-in-Boxes (3-Liter-Plastikbeutel in Kartons verpackt) erhältlich. Trotzdem mag der Winzer, der seine Weinkarte Jahr für Jahr ändert, den Übernamen «Maître Bag-in-Box» nicht. «Wenn schon, dann bitte Maître Passion!»

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Text: Eva Zwahlen | Fotos: Hans-Peter Siffert

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Reise-Highlights

DIE BESUCHTEN WINZER 1 | Sophie Dugerdil, Domaine Dugerdil

Route du Mandement 452, 1283 Dardagny,

Tel. 022 754 02 90. Die Selbstkelterin produziert Weine, die viel von ihrer eigenen Persönlichkeit haben. Sie sind frisch, verspielt, lebhaft und voller Energie.

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2 | Stéphane Gros

Chemin de Bertholier 10, 1283 Dardagny

Tel. 079 516 26 42. Dieser talentierte Winzer präsentiert sich wie seine Weine: eigenwillig und originell. Er keltert handwerkliche Weine im besten Sinn. Alle sind nicht nur in Flaschen, sondern auch in Bag-in-Boxes zu haben.

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3 | Christian Guyot

Rue de Bernex 277b, 1233 Bernex

Tel. 022 756 07 34. Drei Viertel seiner Zeit verbringt er als Professor in Changins, einen Viertel investiert er in seine eigene kleine, aber feine Weindomaine.

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ÜBERNACHTEN 4 | La Ferme Pittet, Laurence Duez-Pittet

Chemin de la Croix-de-Plomb 36, 1281 Russin

Tel. 079 479 85 38. Wohnen auf dem Bauernhof. Einfache, saubere Zimmer, sympathische, familiäre Atmosphäre und viel Selbstgemachtes (Konfitüren, Brot, Zopf) zum Frühstück

ESSEN UND TRINKEN 5 | Restaurant de la Place

Route de Bellegarde 55, 1284 Chancy

Route de la Bellegarde 55. Tel. 022 757 02 00. Gehobenes Dorfbistro, geführt von Michel und Dominique Zufferey, mit ambitionierter, kreativer Küche.

6 | Café du Levant

Rue du Vieux-Four 53, 1288 Aire-la-Ville

Rue du Vieux-Four 53. Tel. 022 757 71 50. Was Küchenchef Stéphane Taffonneau auf den Tisch zaubert, lohnt einen Umweg. Die Atmosphäre: eine gelungene Mischung aus rustikalem Charme und luftiger Moderne.

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7 | Café de Peney

Route d’Aire-la-Ville 130, 1242 Satigny

Tel. 022 753 17 55. Die Dépendance des 19-Punkte- Hauses Domaine de Châteauvieux ist die Topbrasserie schlechthin in der Region. Exzellente Küche, stilvoll-gepflegtes Ambiente, lauschige Terrasse – und das erst noch zu durchaus erschwinglichen Preisen

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