Essen im Friaul

veröffentlicht am 30.09.2009

 

Im Friaul wachsen einige der besten Weissweine Italiens. Aus dem Grenzgebiet zu Slowenien stammen so edle Säfte wie Collio bianco oder Vitovska.

Greift der Papst zum Messwein, nippt er an einer eigens für ihn komponierten Cuvée aus der nordöstlichsten Ecke Italiens. «Den leichten, süsslichen Passito-Weisswein kann Benedikt XVI. schon am Vormittag ohne Bedenken trinken», sagt Kellermeister Luigi Soini von der Weingenossenschaft Cormons. Sie liefert den himmlischen Tropfen. Wer ihn probieren möchte, besucht am besten die kleine Weinhauptstadt des Friauls. Die grosse Cantina am Stadtrand von Cormons verkauft ihn unter dem Namen Vino degli Angeli.

Lob vom Weinführer «Gambero Rosso»

Aus dem Friaul kommen neben dem Engelwein einige der besten Weissen des Landes. Vor allem die Tropfen des Collio, des 1400 Hektar grossen Gebiets zwischen Cormons und Gorizia, werden vom Weinführer «Gambero Rosso» seit einigen Jahren regelmässig mit drei Gläsern ausgezeichnet, der Höchstnote. Einer der innovativsten Produzenten der Region ist Edi Keber. Seine Vorfahren lebten schon vor 300 Jahren auf einem Rebhügel mitten im Collio. 60 000 Flaschen bringt der Winzer jährlich aus seinem 10-Hektar-Betrieb hervor, zehn Tre-bicchieri-Preise zeugen von der Qualität seiner Weine. In den 90er-Jahren begann Keber, alle fremden Rebsorten aus seinen Hängen zu entfernen. «Chardonnay gibts auf der ganzen Welt», sagt er. «Wir müssen die einheimischen Traubensorten anbauen, die zu unseren Böden passen und einzigartig sind – nur so haben wir eine Chance auf dem Markt.» Edi Keber setzt auf den am weitesten verbreiteten Weisswein des Landstrichs, den Tocai friulano. Die einheimische Rebsorte hiess bis vor zwei Jahren kurz Tocai. Doch nachdem ungarische Winzer diesen Namen in Brüssel für ihren Tokajer reklamierten, darf der italienische für den Export nur noch Friulano heissen.

Bei Edi Keber wird es aber keinen reinen Tocai friulano mehr geben. Er konzentriert sich auf den Collio bianco, eine hochklassige Cuvée aus einheimischen weissen Trauben. Diese enthält bei Keber zu 70 Prozent Tocai, verschnitten mit der ebenfalls friulanischen Sorte Ribolla und Malvasia, spät reifend und ertragsreich. 80 Winzer machen bei dem Weissweinprojekt mit. Sie wollen den Namen Collio als Marke etablieren. «Ich hoffe, dass er in 50 Jahren so bekannt sein wird wie Chianti», sagt Keber lachend, der seine fruchtigen Weissen in Zementtanks ausbaut.

Die Grenze verlief durch Familienbesitze

Schon während der Römerzeit wurde im Friaul Wein kultiviert. Von 1500 bis zum Ersten Weltkrieg gehörte der östliche Teil der Region den Habsburgern. Sie förderten den Rebbau. Die Lagen um Görz, heute Gorizia, wurden in Güteklassen eingeteilt – etwas, das man in Frankreich lange nicht kannte. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Collio zwischen Italien und Jugoslawien aufgeteilt, die Grenze verlief quer durch Familienbesitze. Viele italienische Winzer mussten ihre Weinberge auf jugoslawischer oder später slowenischer Seite bestellen und umgekehrt. Erst seit Slowenien zur EU gehört, sind die Grenzen unbeschränkt offen.

Das erleichtert Patrizia Felluga die Arbeit. Ihr Weingut Zuani, das sie 2001 kaufte, liegt auf der italienisch-slowenischen Grenze in San Floriano. Ihr Vater Marco war einer der einflussreichsten Winzer, die die Qualität des Rebbaus in Friaul-Julisch Venetien verbesserten. Die Gegend wurde ab den 60er-Jahren in acht Anbaugebiete mit kontrollierter Herkunft eingeteilt. Mit hoch stehenden Weissweinen hoffte man zu bestehen. In den zwei grössten DOC-Regionen der Provinz, dem Friuli Grave (5300 Hektar) und den Colli orientali (2074 Hektar) um Cividale wird neben dem ebenfalls beliebten Pinot grigio zwar noch viel Merlot angebaut, doch die Rotweinproduktion ist rückläufig, zu mächtig ist die Konkurrenz in diesem Sektor im eigenen Land.

Patrizia Felluga, Präsidentin des Collio-Winzer-Konsortiums mit 200 Mitgliedern, sieht die Regionalisierung als Chance. «Wir müssen Terroirweine produzieren, die unverwechselbar sind und von niemandem kopiert werden können», sagt sie, überzeugt, dass das Collio-Weisswein-Projekt auch für junge Winzer wegweisend ist. Aus den Trauben ihres zehn Hektar messenden Betriebs gewinnt sie ihren eigenen Collio. Zuani vigne ist fruchtig und in Edelstahltanks gereift, Zuani Zuani eine Spätlese, im Eichenfass mit häufigem Aufrühren gekeltert und unfiltriert. Beide Linien kamen gut an. Für den 07er-Zuanivigne erhielt die Winzerin die erste Tre-bicchieri-Auszeichnung. «Mir gefallen die einfachen, eleganten Dinge», sagt Felluga und verweist auf ihre neue Osteria Luka am Rand des Weinguts: «Hier kann man unsere Weine zusammen mit den lokalen Speisen kosten.»

Rustikale Küche

Zum Beispiel mit dem Prosciutto von Lorenzo d’Osvaldo, der in einem Patrizierhaus mitten in Cormons wohnt und arbeitet. Im Erdgeschoss hängen um die 500 Schinken in Holzgestellen. D’Osvaldo hat die 12 bis 18 Kilo schweren Keulen im Winter zwei Tage über Kirschbaumholz, Lorbeer und Rosmarin geräuchert und lässt sie dann im oberen Stock trocknen. «Tagsüber müssen die Läden geschlossen sein, Licht macht das Fleisch gelb», sagt er. Dafür kommt nachts frische Luft herein. Mindestens ein Jahr lang reifen seine Schinken, sagt d’Osvaldo. Der berühmte Schinken aus San Daniele gehe oft nach bloss drei Monaten in den Verkauf.

Prosciutto, Pancetta, Polenta – die Küche Friaul-Julisch Venetiens ist rustikal, aber abwechslungsreich. Vielerorts macht sich bis heute der Einfluss der k. u. k. Herrschaft bemerkbar: So sind Gerichte wie Strudel, Gulasch und Torten nach Wiener Art beliebt. Und darum ist ein Wirtshausbesuch in dieser Gegend, etwa in der 100-jährigen Trattoria Blanch in Mossa mitten im Collio, ein kulinarisches Erlebnis. Denn wer hat schon mal richtig mitteleuropäisch, wie sich die italienisch-österreichisch-slowenische Fusionküche nennt, gegessen und eine Speise wie Strudel di radicchio rosso probiert?

Strudel, Gulasch und Meeresfrüchte

Besucht man den Süden des Friaul, etwa die Stadt Triest oder das dahinter liegende Karstgebirge, findet man auf den Speisekarten viel Fisch und Meeresfrüchte aus dem Golf. Dazu passt der lokale Weisswein aus dem kleinsten (70 Hektar) DOC-Gebiet der Provinz, dem Carso. Zum Beispiel ein trockener Malvasia oder ein eleganter Vitovska von Edi Kante. Dieser hat im Karst Pionierarbeit geleistet. Die dünne Erdschicht auf dem Kalkstein-Hochplateau, die orkanartige Bora und der salzige Meerwind machen es zu einem schwierigen Weinanbaugebiet. Kante aber holte alles Mögliche aus dem kargen Boden heraus. «Ich wollte alte Rebsorten von hoher Qualität heranzüchten, die in diesem besonderen Mikroklima gedeihen», sagt er. Und es gelang.

Er keltert heute einen Wein, der die trockene Carso-Gegend genial abbildet. Seinen runden Keller in Prepotto hat Kante 15 Meter tief in den Karstfels hineingesprengt. Neben den alten weissen Rebsorten mit ausgeprägtem Terroirgeschmack stellt er auch den roten Karstwein Terrano her, der auf der slowenischen Seite viel angebaut wird. Daneben hat der Hobbykünstler jahrelang mit Formen und Proportionen für die ideale Flasche experimentiert. Überzeugt davon, dass Weine darin am besten reifen, füllt er seine edlen Tropfen nur noch in dunkle Einliter- oder Halbliterbehältnisse mit langem, dünnem Hals und kleinem Korken ab. Und sorgt damit für einen weiteren göttlichen Weissen aus Italiens Nordostecke.

Copyright-Hinweise

Text: Kathy Horisberger, Fotos: Colin Dutton

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Reise-Highlights

Weingut & Agriturismo Edi Keber

Fraz. Zegla 17, Cormons

Tel. +39 0481 61 184. Einer der erfahrensten Winzer des Collio, der seine weissen Terroirweine in Zukunft als Collio verkauft. Hübsche Zimmer und Wohnungen auf dem Gut des Collio-Winzers.

Weingut Zuani, Patrizia Felluga

Fraz. Giasbana 12, San Floriano del Collio

Tel. +39 0481 391 432. Erst seit acht Jahren mit eigener Azienda im Geschäft, hat sie bereits grossen Erfolg mit ihren weissen Premium-Linien.

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Weingut Edi Kante

Fraz. Prepotto 1/a, Duino Aurisina

Tel. +39 0402 00 255. Der Pionier des Karstweinbaus macht hervorragende Weisse, vor allem Malvasia und Vitovska.

Weingut Benjamin Zidarich

Fraz. Prepotto 23, Duino Aurisina

Tel. +39 0402 01 223. Weinkeller und Osmizza (unregelmässige Öffnungszeiten). Sein Malvasia genügt hohen Ansprüchen, einen Besuch wert sind seine Besenwirtschaft und der Weinkeller im Karstfeld.

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Enoteca regionale di Cormons

Piazza XXIV Maggio 21, Cormons

Geöffnet 11–22 Uhr, Di geschlossen.

Cantina Produttori di Cormons

Via Vino della Pace 31, Cormons

(südlich der Bahnlinie). Geöffnet Mo–Sa 8.30–12.30 Uhr, 15–19 Uhr.

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Trattoria al Piave

Via Cormons 6, Mariano del Friuli

Tel. +39 0481 69 003. Di Ruhetag. Hervorragende lokale Küche. Spezialitäten: Salami, Jota-Eintopf mit Sauerkraut, Strudel, der Klassiker Stinco di vitello.

Trattoria Blanch

Via Blanchis 35, Mossa

Tel. +39 0481 80 020. Di-Abend und Mi geschlossen. Trattoria im Grünen, nahe der slowenischen Grenze. Mitteleuropäische Küche. Spezialität: Blecs sul gjal (Pasta mit Pouletsauce).

Al Cacciatore/La Subida

Loc. Monte 22, Cormons

Etwas ausserhalb von Cormon. Di/Mi Ruhetage. Gute Küche mit slowenischem Einschlag.

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Osteria Pettirosso

Fraz. Santa Croce, Duino Aurisina

(auf dem Karst), Tel. +39 0402 20 619. Mo/Do Ruhetage. Beste saisonale Küche, hervorragender Fisch.

La Tana dei Ghiri

Località Monte 40, Cormons

Schönes Agriturismo mit 4 Doppel- und 1 Einzelzimmer.