Essen in London

veröffentlicht am 03.07.2012

 

Die Welt feiert die Olympia-Athleten in der Hauptstadt Englands. Die Liebhaber vegetarischer Genüsse pilgern wegen der vielen erstklassigen Restaurants an die Themse.

Gold für Londons fleischlose Küche

Als ich 1993 nach London zog, kannte ich eine Handvoll vegetarischer Restaurants und Cafés», erinnert sich Alex Bourke. «Erst als ich an meinem VegiStadtführer arbeitete, realisierte ich, wie gross das Angebot ist.» Und seit der ersten Edition vor 15 Jahren ist die Anzahl vegetarischer Gaststätten um 50 Prozent gewachsen. «London ist heute für Vegetarier der beste Ort in Europa», sagt Bourke. Die letzte Ausgabe seines «Vegetarian Guide for London» listet mehr als 160 einschlägige Restaurants, Cafés und Imbisse auf.
Alex Bourke wurde bereits mit 14 Jahren Vegetarier. «Der Biologielehrer brachte damals ein Schafsherz mit, und ich sollte eine Sektion vornehmen. Ich dachte mir: Das ist einfach falsch, ich mache da nicht mit.» Bourke verliess das Klassenzimmer und entschied, fortan kein Fleisch mehr zu essen. Im Grossbritannien der 70erJahre war das eine sehr einsame Angelegenheit. «Bis ich an die Universität ging, habe ich keinen anderen Vegetarier getroffen.» Erst während seiner Studienzeit an der Southampton University fand er Gleichgesinnte. «Wir gründeten eine Gruppe, veranstalteten Dinners und Verkostungen für unsere Kommilitonen.» Alex Bourkes Leben als Aktivist für den Vegetarismus begann.

Heute ist Bourke Veganer, lehnt jederlei tierische Produkte ab, trägt kein Leder und isst weder Eier noch Milchprodukte. Für den 50Jährigen war das ein logischer Schritt. Er hält Vorträge über die vegetarische Lebensweise in Schulen, spricht auf Kongressen und schreibt für einschlägige Zeitschriften. Aber vor allem gibt er die «Vegetarian Guides» heraus – ein unerlässliches Hilfsmittel für alle, die wissen wollen, wo sie in Grossbritannien fleischlos essen können. Ein Klassiker der Szene ist das nach dem biblischen Himmelsbrot benannte «Manna», das elegante Restaurant im InStadtteil Primrose Hill. Geprägt von viktorianischen Fassaden, angesagten Pubs, ausgefallenen Shops, hat die Gegend in den letzten Jahren viele Prominente angelockt, die sich einen solchen Wohnsitz leisten können, darunter der Schauspieler Jude Law oder der Sänger Morrissey. Manche von ihnen kommen ins «Manna», das es seit mehr als 40 Jahren gibt und damit das älteste vegetarische Restaurant in London ist. Mittlerweile bietet es ausschliesslich vegane Gerichte an. Chefköchin Robin Swallow lässt sich kulinarisch von überall her inspirieren. «Ich nehme, was mir gefällt, und versuche, den Rezepten meine eigene Note zu geben», sagt sie. So bereitet sie Frühlingsrollen zu, Baumnuss-Ravioli oder Würstchen aus Fenchel und Kürbiskernen. Eine Spezialität sind Swallows Quesadillas: mexikanische Mais-Tortillas, die sie mit einem Süsskartoffelpüree füllt und dann knusprig brät.

Fleischlos und nobel
«Die Zahl fleischloser Gourmetküchen wie das ‹Manna› ist seit 2007 um 50 Prozent gestiegen», sagt Alex Bourke. Er hat rund 30 Nobelrestaurants in London ausgemacht, die völlig auf Fleisch verzichten. Das Restaurant Vanilla Black schmückt zwar noch kein «Michelin»-Stern, es ist aber eines der zwei britischen Vegetarierlokale (das andere ist «Terre à Terre» in Brighton), die der französische Gastroführer empfiehlt. Das Lokal hat sich das richtige Viertel für seine Zielgruppe ausgesucht: Es liegt mitten in Holborn, in der Londoner Innenstadt, dort, wo die Gerichtshöfe und altehrwürdigen Anwaltspraxen angesiedelt sind. Mittags sieht man jede Menge Juristen durch die Strassen gehen auf der Suche nach einem Lunch. Das «Vanilla Black» konnte sich in den vergangenen vier Jahren etablieren. «Die traditionelle Blickweise, dass fleischlose Küche fad und langweilig sei, ändert sich. Die Leute wollen heute etwas Neues ausprobieren », sagt Chefkoch Andrew Dargue. Und so bietet er eine moderne Gourmetküche an mit Gerichten wie gebackener Pilz-Farce an Burgundersauce oder einer Salbei-Schalotten-Tatin.

Beliebt auch bei Fleischessern
Dargue setzt auf einen Trend, der sich in den letzten Jahren verstärkte: das Phänomen des Flexitarismus oder Teilzeitvegetarismus. Immer mehr Menschen versuchen, ihren Fleischkonsum einzuschränken. Ideal, wenn man dann in Restaurants Fleischloses auf höchstem Niveau geniessen kann. «Unsere Klientel besteht zu 60 Prozent aus Fleischessern », bestätigt Dargue. Er verwöhnt seine Gäste unter anderem mit Gerichten wie Schafkäse-Soufflé auf Kartoffeltätschli mit Ananas-Chutney und pochiertem Entenei. Eine Kreation, die sowohl optisch wie geschmacklich überzeugt.

Grosses indisches Angebot
Neben dem expandierenden Luxussegment gibt es in London ein ausgesprochen breites Angebot an ethnischen vegetarischen Küchen. «Lassen Sie uns in die Drummond Street gehen», sagt Alex Bourke. Dort hat sich eine kleine Gemeinde von Einwanderern zusammengefunden. Rund ein halbes Dutzend indischer Restaurants konkurriert miteinander. Zudem gibt es eine Reihe kleiner Gemüseläden, die Korianderpulver und Chilis verkaufen, Mangos und Okra feilbieten sowie für das spirituelle Wohl auch Ganesha- Statuen oder hinduistische Literatur im Angebot haben. Das «Diwana» bietet mittags ein preiswertes Buffet an, das die ganze Vielfalt und Raffinesse der Küche des westindischen Bundesstaats Gujarat demonstriert. Zusätzlich wartet die Speisekarte mit südindischen Klassikern auf wie Dosa, den papierdünnen Omeletten, oder mit Idli und Sambhar, Reisklösschen an Linsencurry. Ein Lassi, das frisch aus aromatischen Alphonso- Mangos zubereitet wird, ist dazu ein idealer Sommertrunk. «Wenn ich hier esse», seufzt Alex Bourke zufrieden, «weiss ich, warum ich London so liebe. Die Auswahl an vegetarischen Küchen ist einfach fantastisch.»

Copyright-Hinweise

Text: Jochen Wittmann | Fotos: Dan Hallman/Pearson Lyle | Rezeptadaption: Lina ProJer

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Rezepte aus London

Reise-Highlights

Restaurants 1 I Manna

4 Erskine Road, Primrose Hill

Tel. +44 20 7722 8028. Im ältesten vegetarischen Restaurant Londons bietet Chefköchin Robin Swallow eine international inspirierte vegane Küche an. Preise: mittel.

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2 I Vanilla Black

17–18 Tooks Court, Holborn

Tel. +44 20 7242 2622. Besitzer und Koch Andrew Dargue will die vegetarische Küche auf eine neue Ebene heben. Das Toprestaurant im Stadtteil Holborn zieht auch Fleischesser an, die neue Erfahrungen suchen. Preise: gehoben.

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3 I Diwana

121–123 Drummond Street, Euston

Tel. +44 20 7387 5556, Das «Diwana» gibt es seit 1975. Es ist eines der ältesten von gut einem halben Dutzend indischer vegetarischer Restaurants an der Drummond Street. Nebenan befinden sich Läden, in denen man die exotischen Gemüse, Früchte oder Gewürze kaufen kann, mit denen die «Diwana»- Gäste verwöhnt werden. Preise: mittel.

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4 I Bio-Läden Holland & Barrett

191–200 High St, Camden

Tel. +44 20 7485 9477. Eine der grössten Filialen dieser Kette von Bio- und Gesundheitsläden, die man praktisch in jeder grösseren britischen Einkaufsstrasse antrifft. In diesem Ableger gibt es eine Reihe von vegetarischen Takeaways wie Pasteten, Kuchen oder Salate bis hin zu Trockenfrüchten und Nüssen

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5 I Spitalfields Organics

103a Commercial Street, Spitalfields

Tel. +44 20 7377 8909. Ein grosser und völlig vegetarischer Bio- Laden gleich neben dem Spitalfields Market im Londoner Eastend. Breites Angebot an Nahrungsmitteln sowie Imbiss.

6 I Planet Organic

22 Torrington Place, Bloomsbury

Tel. +44 20 7436 1929, Eine von fünf Filialen dieser Kette von Bio-Läden, zentral gelegen, nicht weit vom British Museum.

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Unterkunft 7 I Stephanie

44 Grove Road, Finchley

Tel. +44 20 8446 1604. Ein preiswertes Bed & Breakfast mit einem garantiert vegetarischen Frühstück, das für Veganer Sojamilch und Margarine bereithält. Kinder älter als 12 Jahre willkommen.

8 I Lincoln House Hotel

33 Gloucester Place, Marble Arch

Tel. +44 20 7486 7630, Das sehr zentral gelegene Hotel bietet auf Anfrage ein «full cooked English breakfast» in vegetarischer Version an.

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