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Text: Chriane Binder | Fotos: Flurina Rothenberger | Rezeptadaption: Lina Projer
veröffentlicht am 24.07.2012
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Auf der Lidernenhütte hoch oben in den Urner Bergen kommen Körper und Seele zur Ruhe. Dafür sorgt Irène Kramer, die ihre hungrigen Wandergäste mit fantasievoller Vollwertkost verwöhnt.
Der Blick aus ihrem Küchenfenster auf die herrliche Bergwelt inspiriert Irène Kramer stets aufs Neue. «Da draussen ist es so, wie ich koche: frisch und natürlich.» In der Lidernenhütte SAC im Kanton Uri wollen an 240 Tagen im Jahr 4500 Übernachtungsgäste verköstigt werden, dazu doppelt so viele Wanderer, die sich stärken möchten – mit grilliertem Geisskäse etwa, rohem Gemüsesalat, hausgemachter Glace oder was sonst noch auf der Karte steht. Die Hüttenwartin, eine Anhängerin der Vollwertküche, bereitet fast alles selbst zu, sogar den Eistee. Die dafür notwendigen Kräuter bezieht sie von Bäuerinnen aus der Gegend. «Einfach ein Päckli aufzumachen und das Pulver anzurühren, wäre für mich ein Unding», sagt die 47-Jährige. Am späten Nachmittag rüstet die hauswirtschaftliche Betriebsleiterin die Zutaten fürs Nachtessen. Heute stehen Randensuppe, Risotto und Rindsplätzli auf dem Plan. An einem Mittwoch wie diesem kann sie es ruhig angehen lassen: Während an Samstagabenden 80 Besucher im Matratzenlager nächtigen, verteilen sich wochentags nur wenige Gäste auf die Räume.
Bewegung ohne Stress
Teppiche von Alpenrosen, überragt von
kantigen Urner Felsmajestäten wie dem
Rossstock. In der Luft Kuhglockengebimmel
und der Duft nach Wiese: Auf
1727 Meter über Meer zwischen Urnersee
und Muotatal sowie Stoos und Schächental
entfaltet sich vor dem Wanderer
das perfekte Heimatidyll – inklusive
Fernsicht auf den Vierwaldstättersee.
Dass sich kein renommierter Berg erhebt,
sei ein Vorteil, findet Irène Kramers
Ehemann Pius Fähndrich (58), mit
dem sie die Hütte seit 20 Jahren bewartet.
Anstelle von ehrgeizigen Gipfelstürmern
kommen «Gäste, die Zeit
mitbringen und sich gerne verwöhnen
lassen», sagt der Bergführer, der während
der Tourensaison im Sommer und
Winter mit Gruppen in den Schweizer
Alpen unterwegs ist.
Einer dieser Genusswanderer ist Ulrich
Vögeli, pensionierter ehemaliger Betriebsorganisator
aus Wilderswil BE.
Der 65-Jährige stapft den Geröllpfad in
Richtung Hütte herab, wirft auf der Terrasse
– scheu beäugt von Katze Schneeflöckli
– die schweren Bergschuhe von
sich und zieht die nass geschwitzten
Socken aus. Wie immer ist Vögeli allein
unterwegs, «dann kann ich Pause machen,
wann es mir passt». Gehen in der
Natur ist für ihn «die natürlichste Art
der Fortbewegung. Kein Fitnessstress, aber spüren will ich den Körper schon.» Die wohltuende Mattigkeit in den Gliedern gehört für ihn genauso zu den angenehmen Wandererfahrungen wie das Knurren, mit dem sich der Magen Schritt für Schritt lauter bemerkbar macht. «Abends hungrig anzukommen, ist für mich die grösste Freude.» Ulrich Vögeli ist von den Eggbergen im Urner Alpenkranz aus die Route Hüenderegg– Schön Chulm–Spilauersee gewandert, ein Marsch von knapp fünf Stunden. In dieser Zeit hat sein Körper den Kalorien-Tagesbedarf eines Büromenschen verbrannt, die Kohlenhydratspeicher sind leer. Flott unterwegs in unwegsamem Terrain, verbraucht ein Mensch in der Stunde mindestens 400 Kalorien, mit Rucksack mehr. Von früheren Wanderungen weiss Ulrich Vögeli, dass ihn in der Lidernenhütte nach dem Aufstieg genau das Richtige erwartet: «Reichlich Essen. Und die Irène kocht gesund, aber mit viel Phantasie.»
Jeder Dritte wandert
Die Schweizer sind stramme Marschierer.
1,9 Millionen Menschen, etwa jeder
Dritte, wandern, wie die Studie «Wandern
in der Schweiz» von 2009 dokumentiert.
Darunter auch eine steigende
Zahl jüngerer Leute. 20 Mal pro Jahr gehen
sie auf Tour, im Schnitt 3,5 Stunden.
Pro Person geben sie 900 Franken für
ihr Hobby aus – die Kosten für die Ausrüstung
nicht eingerechnet. Auf dem
Schweizer Wanderwegnetz von 60000
Kilometer Länge schreiten sie voran. Es
ist fast so gut ausgebaut wie das Strassennetz
mit 70000 Kilometern.
Das Bedürfnis nach Rast und Ruh stillen
153 Hütten des Schweizer Alpen-Clubs
(SAC) mit rund 9500 Schlafplätzen. Früher
klamme Nachtlager, haben die Unterkünfte
seit Ende der 80er-Jahre gewaltig
aufgerüstet. Die Lidernenhütte,
erbaut 1912, wurde mehrfach renoviert.
Mittlerweile liefert eine Solaranlage auf
dem Dach den Strom. Die moderne Küche
stammt aus dem Jahr 2008. Und
statt wie in den Anfangszeiten auf Stroh
bettet sich der Gast von heute im Seidenschlafsack
auf die Schaumgummimatratze.
Die klassische braune Wolldecke mit
dem SAC-Aufdruck gibt es jedoch noch,
und man wäscht sich nach wie vor mit
kaltem Wasser. «Wer Luxus sucht, soll
nach St.Moritz», findet Irène Kramer.
Beim Essen allerdings machen sie, ihr
Mann Pius und der Hilfshüttenwart und
gelernte Koch Chrigel Menon keine Abstriche:
«Wir wollen zeigen, dass auch
Vollwertküche fein sein kann. Die Gäste
sollen ein Aha-Erlebnis haben.» Sie kocht strikt nach der qualitativen Ernährungslehre
von Maximilian Bircher-
Benner und Werner Kollath: «Gesund
bleibt, wer das Richtige isst. Dosengemüse
käme bei mir nie auf den Tisch.»
Die ökologisch angebauten Produkte
bezieht sie sämtlich von Bauern aus der
Region. Die Frischware schaukelt im
winzigen, nur viersitzigen Kabinenlift
aus Riemenstalden herauf. Den Rest der
Strecke schleppt sie oder Chrigel Menon
die Sachen per pedes zum Haus. Zweibis
dreimal im Jahr landet ein Heli vor
der Hütte. An Bord Getränke und Getreide
fürs selbst gebackene Vollkornbrot
oder das Frühstücksmüesli, das Kramer
in der eigenen Mühle mahlt.
Denn Wanderer brauchen Kohlenhydrate.
Pommes frites oder Fertigpizza
passen allerdings nicht in Kramers Konzept:
«Da mache ich lieber frischen Mais
ab Kolben oder einen Gemüsekuchen.»
Ein Hit auf der Menükarte sind Makkaroni
mit Baumnusspesto und Salbeiblättern.
Die Kohlenhydrate in den
Vollkornteigwaren sind hochwertige
Energiespender, die Nüsse reich an
natürlichem Eisen, und der Alpkäse
vom Bergbauern liefert das Eiweiss, das
nach Ausdauerleistungen wieder Kräfte
verleiht.
Zartes Fleisch für müde Beine
Wegen der Proteine serviert Irène
Kramer auch Fleisch; sie selbst verzichtet
darauf genauso wie auf Zucker. «Aber
in einer Berghütte gehört Fleisch einfach
dazu.» Allerdings keine riesigen
Portionen, die faul und träge machen,
sondern in Form von zarten, auf Lauch
geschmorten Saftplätzli vom Rind, das
auf benachbarten Bio-Berghöfen geweidet
hat. Hühner halten Irène Kramer und
Pius Fähndrich selber. «Hoffentlich haben
sie fleissig gelegt, morgen will ich
Schoggikuchen backen», sagt Kramer.
Auf dem Weg nach draussen kommen
ihr schweren Schrittes weitere Übernachtungsgäste
entgegen: Philipp Niederegger,
ein Mediziner aus Luzern, der
mit seinem Kollegen eine Viertagestour
von den Eggbergen ins Erstfeldertal
macht, sowie Jolanda Weingartner mit
ihrer Freundin Irene Lang. Beide arbeiten
als Schiffsführerinnen auf dem Vierwaldstättersee.
Auch sie kommen von
den Eggbergen, wollen morgen weiter
Richtung Hochplateau Stoos SZ.
Man trifft sich wieder beim Nachtessen
in der Stube mit wunderbarer Aussicht;
vorm Fenster zeigt sich ein gewaltiges
Wolkendrama. Irène Kramer stellt eine
Riesenschüssel Salat auf den Tisch, jeder
bedient sich selbst, wie es die
Hüttenetikette verlangt. Die Randensuppe
duftet herzhaft nach Lebkuchengewürz, das Gespräch dreht sich ums
Wetter, Philipp Niederegger checkt die
Lage via iPhone.
Früher ass man in Schichten
Zeit für ein gutes Tröpfchen, die Domäne
von Hüttenwart Pius Fähndrich.
Ausgewählte Winzer aus Uri, Graubünden,
dem Wallis oder Norditalien liefern
die erwünschten «vielseitigen und abgerundeten
Weine», wie er sagt. «Klar,
dass sie biologisch angebaut sein
müssen.» Die Tischrunde bestellt eine
Flasche kräftigen roten Urner Föhn.
Ulrich Vögeli lässt die alten Zeiten aufleben:
«Früher haben wir die Verpflegung
noch selbst hochgeschleppt.»
Jeder habe seine eigene Fertigsuppe
mitgebracht, sie in einen Topf gegeben
und, wenns hoch kam, mit dem Sackmesser
ein paar Würstli reingeschnitten.
Mangels Sitzgelegenheiten habe
man in Schichten gegessen. Die Hüttenwarte,
vielfach Bauern, die sich nebenher
ein Zubrot vedienten, seien knorrige
Kerle gewesen, die ein strenges Regiment
führten. «Die hielten Komfort im
Berg quasi für Verrat an der Natur», sagt
er. Just in dem Moment kommt Irène
Kramer aus der Küche, um nach dem
Rechten zu sehen. Sie hat den letzten
Satz aufgeschnappt und lacht: «Dagegen
hat mans bei uns hier oben ja fast so
kommod wie im Tal.»
Text: Chriane Binder | Fotos: Flurina Rothenberger | Rezeptadaption: Lina Projer