Essen in Aspen

veröffentlicht am 04.01.2013

 

Im St.Moritz der Rocky Mountains treffen sich die Reichen und Berühmten. Bei Spitzenköchen aus aller Welt können sie ungestört ihren Appetit stillen.

Von der Strasse aus ist das «Jimmy’s» leicht zu übersehen. Bloss die Sonnenschirme auf der Terrasse und ein Kuppeldach des im ersten Stock gelegenen Restaurants stechen ins Auge. Doch für die Gourmetexpertin Becky Creighton verbirgt sich hinter dem unscheinbaren Äusseren des Lokals das kulinarische Zentrum von Aspen. Hier zieht es sie immer wieder hin, an die lange Bar mit der riesigen TequilaKollektion und an die grossen Tische, an denen die Gäste beim gemeinsamen Genuss zueinanderfinden. Becky Creighton (45) betreibt in Denver, der Hauptstadt des USBundesstaates Colorado, eine auf alles Gastronomische spezialisierte Beratungsfirma und organisiert Restauranttouren. Seit drei Jahren führt sie Gourmets in die angesagten Lokale von Aspen, wo sich die Reichen hoch oben in Amerikas Rocky Mountains ein Stelldichein geben.

Grossstädtisches Angebot
Aspens kulinarische Szene sei jener von grösseren Städten ebenbürtig. «Die Restaurants können es mit den Besten in Denver aufnehmen», sagt Becky Creighton. Mithilfe des langjährigen Barkeepers und Restaurateurs Jimmy Yaeger, des Gründers des «Jimmy’s», entwickelte sie für ihre Kunden die Aspen-Gourmet-Touren.
Das «Jimmy’s» ist an 364 Tagen im Jahr geöffnet und ein wichtiger Treffpunkt für die bloss 7000 ständigen Bewohner des Städtchens. Das Lokal verstehe sich als «Haus für Steaks, Koteletts und Seafood», sagt Yaeger. Doch er untertreibt. Sein mexikanischer Koch Manuel Diaz verleiht jedem Gericht eine spezielle Note. Den Wildlachs schmeckt er statt mit Zitrone mit Hibiskus ab; den Ziegenkäsekuchen reichert er mit Lavendelcaramel und einer Glace aus gerösteten Äpfeln an.
Von November bis April und von Juni bis August mischen sich bis zu 30000 Besucher unter die Aspenites. «Unglaublich, auf wen man hier treffen kann», sagt Creighton. Während des sommerlichen Aspen Ideas Festival habe sie im «Jimmy’s» den früheren peruanischen Präsidenten Alejandro Toledo kennengelernt und mit ihm bis in den Morgen Salsa getanzt. «Wo sonst kann dir so etwas passieren?»
Im Winter zieht es die Besucher auf die vier Skiberge um Aspen. Wenn sie von der Piste zurückkehren, nährt sie nichts besser als Rindfleisch aus Colorado. «Das feinste gibt es im ‹Element 47›», weiss Creighton. Das Restaurant, dessen Name sich auf das Element Silber im Periodensystem bezieht, serviert als einziges in der Stadt Wagyu Beef. Dieses besonders stark marmorierte Fleisch stammt von Kühen der japanischen KobeRasse. «Element 47» bezieht es bei der Emma Farm, rund 30 Kilometer unterhalb Aspens gelegen. Dort weiden 300 Kobe-Rinder.
Die Gäste im «Element 47» schätzen die hochgetürmten WagyuBurger mit ihrem intensiven, leicht wildartigen Geschmack. Chefkoch Robert McCormick lässt sich jeden Monat ein WagyuRind liefern. «Wir unterstützen lokale Produzenten », sagt er, «und unsere Gäste verlangen Wagyu.» Für die besten Steaks müssen sie aber in der ersten Monatshälfte kommen. «Nach zweieinhalb Wochen sind alle Tenderloins, Sirloins und Ribeyes weg.»
Das unlängst renovierte Restaurant eignet sich ebenso für Fine Dining wie für ein ungezwungenes AprèsSki. Zusätzlich zum Gourmetrestaurant bedient die Küche die Ajax Tavern, ein Bistro neben der Talstation der Sesselbahn zum Aspen Mountain. Auf der «Ajax»Terrasse sitzt man so nah bei der Piste, dass der Schnee herankurvender Skifahrer beinahe ins Weinglas stäubt.

Ursprünglich eine bergbaustadt
Becky Creighton schnallt sich ihre Ski in Aspen nur selten an. «Wenn ich hier bin, arbeite ich ständig», sagt die zweifache Mutter, die ihre Selbstdisziplin als SoftwareVerkäuferin erwarb. Zum Glück bedeutet Arbeiten für sie heute Essen. «Wünschte ich mir ein Tattoo, würde ich auf meinen Bauch tätowieren lassen: ‹Immer hungrig›», scherzt sie. Den Hunger sieht man ihr nicht an. Creighton ist schlank und durchtrainiert. Damit passt sie in die sportliche Welt der Rockies. «Aspen hat eine aktive Community. Viele ziehen hierher, weil sie die Nähe der Natur schätzen, sich im Freien bewegen wollen.»
Fremde zog Aspen schon in seinen Bergbauzeiten an. Im Zug eines kurzen, aber heftigen Silver Rush schoss Anfang der 1880er-Jahre im Roaring Fork Valley auf 2400 Meter Höhe eine moderne Stadt aus dem Boden. Zehn Jahre später verfügte Aspen über Banken, ein Spital, zwei Theater, eine Oper, und in seinen Strassen brannte elektrisches Licht. 12000 Einwohner zählte der Ort. Doch der Boom verpuffte schnell, als die US-Regierung 1893 ihre massiven Silberkäufe einstellte. Eine Mine nach der anderen schloss. 1930 lebten nur noch 703 Menschen in Aspen.

Kultur- und Kulinarikmekka
Seine Wiedergeburt verdankt Aspen europäischen Einwanderern. Ein in Österreich geborener Skirennfahrer baute nach dem Zweiten Weltkrieg die ersten Pisten und Lifte, finanziert mit Geld des deutschstämmigen Industriellen Walter Paepcke aus Chicago. 1949 lud Paepcke zum 200. Geburtstag Goethes Kulturschaffende und Intellektuelle aus aller Welt nach Aspen ein und legte den Grundstein für das Aspen Institute, eine auf ökologische Fragen spezialisierte Denkfabrik.
Heute ist Aspen beides: gemütlicher Skiort und weltläufiges Kulturmekka. Zur Sommersaison gehören Festivals für Musik, eines für Kunst und andere Anlässe von globalem Rang. «Es ist schon erstaunlich, dass eine kleine Stadt solch grosse Talente anlockt», sagt Becky Creighton. Eine Veranstaltung lässt sie sich selbstverständlich nie entgehen: das jährliche Food-Festival, für das Spitzenköche aus dem ganzen Land einfliegen.

Fondue und Raclette
Im St.Moritz der Rockies bleiben noch immer junge Europäer hängen. Einen von ihnen hat Becky Creighton auf dem Highland Mountain entdeckt. Zwischen zwei Skiliften führt dort Andreas Fischbacher in einer früheren Ranger-Hütte das Gourmetrestaurant Cloud Nine. «Wenn war’s mach’n, mach’n war’s g’scheit», sagt der im Wienerwald geborene Koch. Fondue gibts, Raclette, alle Arten Fleisch und Fisch.
Wie in den Gourmetlokalen der Alpen beginnt auf der 3260 Meter hoch gelegenen «Wolke Neun» am Nachmittag das Après-Ski. Das seien Amerikaner nicht so gewohnt. Letzte Saison hätten die Gäste dem Alkohol derart zugesprochen, dass manche kaum mehr vom Berg runterkamen. Fischbacher musste den Obstler von der Karte nehmen.

Kaum Pelze auf der Strasse
In Aspens kulinarischen Treffpunkten verkehren auch die Superreichen, deren Privatjets Flügel an Flügel auf dem Airport parkieren. Ansonsten gibt sich das grosse Geld unauffällig. Frauen flanieren nicht im Pelz, obwohl in den fussgängerfreundlichen Strassen von Brioni bis Louis Vuitton viele Luxuslabels mit eigenen Läden aufwarten. Aspen hat sogar exklusive Kinderboutiquen, etwa die von Bonnie Young, der langjährigen Creative Director von Donna Karan. Hollywood-Berühmtheiten sieht Becky Creighton in Aspen selten. «Es dauerte über zwei Jahre, bis ich eine Celebrity entdeckte.» Am ehesten seien sie im Caribou Club anzutreffen. Dort habe der Schauspieler Michael Douglas an Silvester 1999 seiner Frau Catherine Zeta- Jones den Heiratsantrag gemacht. Bei gedämpftem Licht zwischen roten Wänden werden vor dem Tanz kulinarische Kreationen wie mit Chili-Pesto überbackene Austern gereicht. Zum Erstaunen von Chefkoch Miles Angelo ist jedoch das simple, wenn auch sündhaft gute Knoblauchbrot mit Mayonnaise am populärsten.
Angelo ist ausserdem der bevorzugte Störkoch der Prominenten, von denen viele ihre Luxusvillen am Fuss des Red Mountain ausserhalb Aspens selten verlassen. Unter anderem hat er die Schauspielerin Goldie Hawn bekocht und die Sängerin Diana Ross. Für Ex- Präsident Bill Clinton tischte er auf, als die kalifornische Senatorin Dianne Feinstein eine Party für ihn gab. «Ich bin kein Starkoch», sagt Angelo, «aber ein Koch der Stars.» Und diese schätzten Aspen, weil man sie in Ruhe lässt.

Copyright-Hinweise

Text: Martnin Suter | Fotos: Ball & Albanese | Rezeptadaption: Lina Projer

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Reise-Highlights

1 I Essen Jimmy's

205 S Mill St, Aspen

Tel. +1 970 925 6020. Der ganzjährige Nachbarschaftstreff, dessen grosse Tische auch für Gruppen geeignet sind, serviert samtigen Lachs und einen zarten Ziegenkäsekuchen.

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2 I Element 47

675 E Durant Ave, Aspen

Tel. +1 970 920 4600. Das Top-Lokal richtet sich an Gourmets mit höchsten Ansprüchen wie an Liebhaber des «casual dining».

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3 I Cloud Nine

Aspen Highlands (Cloud-Nine-Sesselbahn)

Tel. +1 970 544 3063 (Lunch), +1 970 923 8715 (Dinner). Die Gourmethütte zwischen Skiliften bietet heimwehkranken Europäern auch Fondue, Raclette und Wildgerichte. Zum Dinner am Donnerstagabend fährt ein Pistenfahrzeug.

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4 I Caribou Club

411 East Hopkins Ave, Aspen

Tel. +1 970 925 2929. Exklusiver Privatclub mit Spitzenküche und Tanzfläche. Das Knoblauchbrot ist einzigartig. Eine Woche Mitgliedschaft kostet $ 500.– pro Paar; grosse Hotels können Einzelbesuche arrangieren.

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5 I BB’s Kitchen

525 East Cooper Ave, Aspen,

Tel. +1 970 429 8284. Das günstige Ganztagesrestaurant im ersten Stock eignet sich besonders für Après-Ski. Alle Gerichte werden inhouse zubereitet.

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6 I Peach's Corner Café

121 S Galena St, Aspen

Tel. +1 970 544 9866. Ein sonniges Café mit Open-Air-Sitzplätzen. Ausgewähltes Gebäck, frische Früchte und Säfte machen es zum idealen Ort für ein Frühstück.

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7 I Syzygy

308 East Hopkins Ave, Aspen

Tel. +1 970 925 3700, Das edle Kellerrestaurant ist eine langjährige Institution, die ihr Niveau bewahrt hat. Die Colorado-Lammkoteletts mit Kräuterkruste, Yukon-Kartoffeln und Blumenkohl sind die besten der Stadt.

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8 I Unterkunft Jerome Hotel

330 East Main St, Aspen

Tel. +1 970 920 1000. Der historische Backsteinbau aus dem Jahr 1880 thront über dem Zentrum der Stadt. Neben «The Little Nell» ist es das beste und daher eines der teuersten Hotels der Stadt. Es wurde 2012 renoviert.

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9 I Limelight Lodge

355 S. Monarch St, Aspen

Tel. +1 970 925 3025, Modernes und eher teureres Boutiquehotel mit hellen, geräumigen Zimmern. In der Lobby wird zur Cocktailstunde live Countrymusik gespielt.

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10 I Mountain Chalet Aspen

333 East Durant Ave, Aspen

Tel. +1 970 925 7797. Eine der wenigen von einer Familie geführten Ski-Lodges im alpinen Chaletstil. Es gehört zu den günstigsten Übernachtungsmöglichkeiten in Aspen.

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