Essen in Berlin

veröffentlicht am 01.11.2008

 

Rund um den Reichstag sind am lukullischen Firmament der deutschen Hauptstadt einige bemerkenswerte Sterne aufgegangen.

Kein Stadtteil hat sich seit dem Mauerfall städtebaulich so verändert wie das Gebiet rund um den Reichstag und das Brandenburger Tor – die neue alte Mitte Berlins. Im einstigen Niemandsland westlich der Mauer stehen heute die gross dimensionierten Ministerien und das Kanzleramt. Östlich der Mauer wurden der Todesstreifen und die dazugehörigen Brachen überbaut, die Baulücken am Pariser Platz und anderswo geschlossen. Früher war das Gebiet auch für Gourmets Niemandsland: Im Westen gabs hier und da einen Imbiss mitsamt Postkarten für Touristen, im Osten die erste Currywurst am Bahnhof Friedrichstrasse. Insgesamt taten sich kulinarisch weder Berlin Ost, die Hauptstadt der DDR, noch Berlin West besonders hervor.

Bis auf eine Ausnahme. Seit über 20 Jahren ist das «Paris-Moskau» ein Fixstern am Berliner Gastrohimmel. Einst im Westteil in absoluter Randlage platziert, befindet sich das Gourmetrestaurant heute mittendrin. Das kleine Fachwerkhaus steht exakt zwischen dem neuen Hauptbahnhof und dem Kanzleramt. Der Blick aus dem Fenster fällt über eine der letzten unbebauten Flächen. Noch dient sie Hunden als Auslauf, ist aber für den Neubau des Innenministeriums reserviert. Gleich dahinter liegt der Hubschrauberlandeplatz der Kanzlerin.

Ein Lokal rückte vom Stadtrand ins Zentrum

«Das ‹Paris-Moskau› versteht sich als ein Haus zwischen Ost und West», sagt Küchenchef Sven Holwitt. Und der Bindestrich stehe für Berlin. Auch als im nahe gelegenen Bahnhof keine Züge von Paris über Berlin nach Moskau verkehrten, waren auf der Speisekarte die französische und die russische Küche präsent. In den stilvoll renovierten Räumen der ehemaligen Fernfahrerkneipe geniesst man klassisch-moderne Gerichte, deren Zutaten möglichst aus der Region stammen. So zum Beispiel das zarte, in Butter pochierte Kalbssteak mit Eierschwämmen.

Abgesehen von dieser Konstante hat sich die Berliner Gastroszene in den letzten Jahren stark verändert – zu ihrem Guten. Mittlerweile zählt die deutsche Hauptstadt elf «Michelin»-Sterne. Das hat zum einen mit dem Umzug der Regierung zu tun, der seit 1999 in Etappen ein Heer von Beamten und Angestellten aus anderen Bundesländern nach sich zog. Diese zum Teil zahlungskräftige Klientel ist kulinarisch anspruchsvoll. Zum anderen können sich Restaurants nun aus dem Umland beliefern lassen, was eine bessere Qualitätskontrolle ermöglicht.

Die Kundschaft hob die Klasse der Küche

Nicht nur die Spitzengastronomie, auch die Alltagsverpflegung macht Fortschritte. Zwar gibt es in der Stadt an der Spree immer noch zahlreiche Currywurstbuden. Doch wer will, kann sich in der Innenstadt preisgünstig und gut verpflegen. Zum Beispiel im «Splendid» in der Dorotheenstrasse, einem Feinkostladen mit Mittagstisch. «Das Angebot entspricht einem Bedürfnis im Quartier», sagt Geschäftsführer Andreas Poulakidas. In den hellen Räumen des «Splendid» bekommt der Gast wechselnde Tagesangebote, mal einen Risotto oder einen Käsespätzleauflauf, dann Suppen oder frische Salate mit Beilagen wie Maultaschen oder Leberkäse. Nach dem grossen Ansturm kann man es sich nachmittags bei einer Tasse Tee gemütlich machen oder im gut assortierten Angebot des Spezialitätengeschäfts stöbern.

Günstige Verpflegung bieten auch die Kantinen, die die meisten Ministerien und grösseren Firmen im Stadtzentrum führen. Was viele nicht wissen: Manche sind für die Öffentlichkeit zugänglich. So die Kantine des Abgeordnetenhauses von Berlin in der Niederkirchnerstrasse. Dort isst man preiswert und ordentlich und erhascht einen Blick auf das eindrucksvolle Foyer des Gebäudes, das Ende des 19. Jahrhunderts für die Parlamentarier des ersten preussischen Landtags errichtet worden war. Direkt vor dem Haus stehen letzte Reste der Mauer.

Die Höhe der Küche sagt nichts über ihr Niveau

Wer das Besondere sucht, nimmt den Lift. An zwei Orten kann man in Berlin in luftiger Höhe speisen: im Fernsehturm und in der «Solar»-Lounge im 16. Stock des Excelsior-Hochhauses. Die Orte, beide bieten einen fantastischen Ausblick über die Stadt, könnten kulinarisch nicht unterschiedlicher sein. Während man sich im Restaurant des Fernsehturms darauf verlässt, dass die Gäste wegen der Aussicht trotz schlechter Küche kommen, setzt man im «Solar» auf gehobene Gastronomie. Bei vorzüglichen Gnocchi mit einem Löwenzahnbouquet an Safranschaum oder den gerollten Lammfilets mit Minzeschaum hat der Gast Zeit für den Blick über die Stadt. Dieser soll schon der CIA wichtig gewesen sein: Dem Gerücht nach wurde das Excelsior-Hochhaus 1967 mit Geldern des amerikanischen Geheimdiensts erbaut. Angeblich gab es auf dem Dach des 17-stöckigen Gebäudes einen Ausguck auf Ostberlin.

Zurück auf dem Boden der Gegenwart, ist ein Spaziergang angesagt. Er führt vom Kanzleramt entlang der Spree zur Konditorei Buchwald. Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Zwar sieht es nicht mehr so aus wie damals, als regelmässig eine Kutsche der Hohenzollern vorfuhr, um beim königlichen Hoflieferanten Buchwald den bestellten Baumkuchen abzuholen. Aber zumindest während der letzten 50 Jahre hat sich hier nicht viel verändert – wenn man davon absieht, dass Ursula Kantelberg 1993 die Leitung des Familienbetriebs von ihrer Mutter übernahm. Mit der Enkelin von Kantelberg steht die vierte Generation der mütterlichen Linie in der Backstube und stellt neben Baumkuchen viele andere süsse Köstlichkeiten her.

19 Jahre nach dem Mauerfall findet man in Berlin Wandel und Konstanz zugleich. Das gilt für Stadt und Gaumenfreuden. Heute sind beide eine Reise wert.

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Text: Kathrin Hönig, Fotos: Katja Hoffmann

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Rezepte aus Berlin

Reise-Highlights

Paris-Moskau

Alt-Moabit 141, Berlin

Tel. 394 20 81. Preise: gehoben. Schon zur Mauerzeit ein Feinschmeckerlokal. Weltoffene Küche (französisch bis russisch).

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Splendid

Dorotheenstr. 37, Berlin

Tel. 92 12 72 47. Preise: günstig. Feinkostgeschäft mit Mittagstisch. Schnell und gut.

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Solar

Stresemannstr. 76, Berlin

Tel. 0163 765 27 00. Preise: gehoben. Gepflegte internationale Küche mit regionalem Einschlag. Fantastische Aussicht. Im oberen Bereich Coktail-Lounge mit DJs.

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Kantine im Abgeordnetenhaus Berlin

Niederkirchnerstr. 5, Berlin

Tel. 23 25 19 45. Preise: günstig. Nach der Abgeordnetenverköstigung (ab 13 Uhr) bodenständig, vollkostmässig oder vegetarisch.

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Weinbar Rutz

Chausseestr. 8, Berlin

Tel. 24 62 87 60. Preise: sehr teuer. Experimentierfreudig bis extravagant das Essen, reichhaltig die Auswahl an deutschen Weinen. Ein «Michelin»-Stern.

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Vau

Jägerstr. 54/55, Berlin

Tel. 20 29 730. Preise: teuer, mittags mittel. Gediegenes Interieur, gepflegte regional und saisonal ausgerichtete Küche. Ein «Michelin»-Stern.

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Espresso-Bar

Reinhardtstr. 16, Berlin

Tel. 0177 371 52 28. Preise: günstig. Bester Espresso, Sandwiches, kleine Mittagskarte, Kuchen.

Cum Laude

Universitätsstr. 4, Berlin

Tel. 208 28 83. Preise: günstig. Ehemalige Professorenmensa, genannt «Profi», der Humboldt Universität. Das Interieur verströmt noch Ostalgiecharme.

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Café de France im Autohaus Peugeot

Unter den Linden 62–68, Berlin

Tel. 20 64 13 91. Preise: mässig. Auf der in Rot gestylten Empore typisch französisches Bistro bzw. Brasserieangebot.

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Café & Konditorei Buchwald

Bartningallee 29, Berlin

Tel. 391 59 31. Preise: günstig. Berühmt für ihren Baumkuchen und die ruhige Terrasse am Ufer der Spree.

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Zimt & Zucker

Schiffbauerdamm 12, Berlin

Tel. 810 10 858. Preise: günstig. Am Spreeufer gelegenes Kaffeehaus. Verströmt das Flair der Zwanzigerjahre.

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Käfer

Platz der Republik, Berlin

Tel. 22 62 990. Preise: teuer. Stilvoll frühstücken im Dachgartenrestaurant der Reichstagskuppel. Blick auf die umliegenden Ministerien. Unbedingt mindestens 14 Tage im Voraus reservieren. Dafür darf man dann auch unter Umgehung der Besucherschlange durch einen Seiteneingang in den Reichstag hinein.

Strandbad Mitte

Kleine Hamburger Str. 16, Berlin

Tel. 283 68 77. Preise: günstig. Ausgezeichnete Frühstücke (bis 16 Uhr) in szenigem Schwimmbadambiente. Kleine Mittagskarte.

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Arte Luise Kunsthotel

Luisenstr. 19, Berlin

Tel. 284 480. Preise (DZ ohne Frühstück): ca. Fr. 120.– bis Fr. 285.– (79–180 €)

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Hotel Berlin Mitte

Albrechtstr. 25, Berlin

Tel. 52 68 000. Preise (DZ ohne Frühstück): ca. Fr. 105.– bis Fr. 305.– (68–192 €)

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